Estlands Ministerpräsidentin Kaja Kallas | AFP

Estlands neue Ministerpräsidentin Endlich Regierungschefin

Stand: 25.01.2021 21:47 Uhr

Vor zwei Jahren gewann die Partei von Kaja Kallas die Parlamentswahlen in Estland. Ministerpräsidentin wurde sie jedoch nicht. Die Regierungsmacht wurde Kallas vor der Nase weggeschnappt. Nun hat sie ihre zweite Chance bekommen.

Christian Blenker ARD-Studio Stockholm

Von Christian Blenker, ARD-Studio Stockholm

Sie will keine Zeit verlieren. Kurz nachdem der Koalitionsvertrag ihrer liberalen Reformpartei mit der Zentrumspartei unter Dach und Fach war, sagte Kallas, das Erste was sie nun angehen wolle, ist die Coronakrise und die wirtschaftlichen Folgen für Estland.

In nur wenigen Tagen stellte sie ein neues Bündnis im baltischen Land auf die Beine, das auf eine Mehrheit von 59 der 101 Sitze im Parlament kommt und auch auf Stimmen der Sozialdemokraten zählen kann. Sieben der 15 Ministerposten gehen an Frauen.

Kallas hatte schon einmal gesiegt

Eigentlich hatte Kallas die Parlamentswahl schon im März 2019 gewonnen. Mit 28,8 Prozent siegte sie damals gegen den amtierenden Ministerpräsidenten Jüri Ratas und seine Zentrumspartei. Und doch schnappte ihr Ratas mit einer Koalition mit der konservativen Partei Isamaa und der rechtspopulistischen EKRE den Job weg. Nach Korruptionsvorwürfen platzte das eigenwillige Bündnis.

Kühl hat Kallas nun die zweite Chance genutzt, macht ihren Vorgänger zum Koalitionspartner und ist endlich am Ziel.

Juri Ratas | REUTERS

Juri Ratas Ratas Mitte Januar nach Korruptionsvorwürfen gegen seine Partei zurückgetreten - und hatte damit auch das Ende der bisherigen Regierung besiegelt. Bild: REUTERS

Erfolgreich in Brüssel

Ihre Karriere begann in zwei renommierten Anwaltskanzleien. Als erste Frau wurde sie die jüngste Partnerin. Kallas ist auf Wettbewerbsrecht spezialisiert. Erst nach der erfolgreichen Anwaltskarriere trat sie 2010 der liberalen Reformpartei bei und wurde ein Jahr später ins estnische Parlament gewählt.

Als Europaabgeordnete wurde Kallas mehrmals unter die einflussreichsten Politikerinnen und Politiker gewählt. Das US-Magazin Politico hob ihr Verständnis für Digital- und Telekommunikationspolitik hervor und schrieb: "Sie versteht Tech, Politik und - als Wettbewerbsanwältin - die anti-trust Aspekte dieser sich schnell bewegenden Welt." Ein Lob, das auch in Estland bemerkt wurde.

2018 wurde Kallas als erste Frau zur Vorsitzenden der Reformpartei gewählt und holte gerade einmal ein Jahr später den Wahlsieg.

Wirtschaft und Umwelt im Fokus

Als Premierministerin will sich Kallas nun neben der Corona-Krise auch verstärkt der Wirtschaft und Umweltthemen widmen. In den Koalitionsverhandlungen hat sie sich mit der Zentrumspartei bereits in der Steuerpolitik geeinigt.

Auch beim Thema Bildung zeichnet sich ein Kompromiss ab. Viele russisch-stämmigen Wähler haben ihre Stimme der Zentrumspartei gegeben, die sich für den Erhalt der russischen Sprache im Unterricht einsetzt. Kallas' Reformpartei will dagegen ein einheitliches Schulsystem erreichen, um die Segregation der Gesellschaft zu überwinden.

Erst Anwältin, dann Politikerin

Als Premierministerin muss Kallas nun auch aus dem Schatten ihres Vaters Siim Kallas heraustreten. Siim Kallas, der Gründer Reformpartei hat den Posten von 2002 bis 2003 bekleidet und war von 2004 bis 2014 EU-Kommissar.

Anders als viele Politiker ihrer Generation hat Kallas eine eigene erfolgreiche Karriere vorzuweisen bevor sie in die Politik gegangen ist. Mit dem Jura-Studium und der Karriere als Anwältin wollte sie auch ihre Selbstständigkeit beweisen.

Auf ihren berühmten Vater angesprochen, gibt sich Kallas selbstbewusst: "Warum ist es so schwer zu verstehen, dass eine Frau selbst etwas erreichen kann? Zu glauben, dass hinter dem Erfolg einer Frau ein Mann steht, sei es Vater, Bruder oder Ehegatte, ist ungerecht und beleidigend."

Kallas gilt als Frühaufsteherin und hat ihre Joggingrunde oft schon hinter sich, wenn andere noch im Bett liegen. Sie ist mit dem Investmentbanker Arvo Hallik verheiratet und hat einen neunjährigen Sohn aus einer früheren Beziehung. Ihr Mann hat ebenfalls zwei Kinder in die Beziehung gebracht.

Über dieses Thema berichtete Bayern2 am 25. Januar 2021 um 21:00 Uhr.