Roms amtierende Bürgermeisterin Virginia Raggi bei einem Wahlkampfauftritt. | picture alliance / ZUMAPRESS.com
Reportage

Bürgermeisterwahl "Für Rom war sie eine Tragödie"

Stand: 03.10.2021 04:57 Uhr

Bei der heutigen Regionalwahl in Italien kämpft auch Roms Bürgermeisterin Raggi um ihr Amt. Umfragen deuten auf eine Abwahl der Populistin hin: Zu viele Probleme blieben ungelöst liegen - nicht nur der Müll.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Früher Nachmittag in der letzten Wahlkampfwoche auf der Piazza San Giovanni Da Matha, dem Eingang zum beliebtesten Teil des Romer Viertels Trastevere: Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Fünf-Sterne-Bewegung hat zur Wahlkampfverstaltung geladen. Der 62 Jahre alte Emilio kommt vorbeigeschlendert und schüttelt beim Blick auf ein Raggi-Plakat den Kopf. Er hoffe, dass sie nicht wiedergewählt wird, sagt er: "Für Rom war sie eine Tragödie". Man müsse sich doch nur umschauen und sehen, in welchem Zustand die Stadt ist: "Müll überall!" Nein, sagt Emilio, Raggi sollte sich zurückziehen und sich hier nicht mehr sehen lassen.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Das ist keine Einzelmeinung in Italiens Hauptstadt. Im Sommer sagten laut Umfrage 79 Prozent der Römerinnen und Römer, sie seien gegen eine zweite Amtszeit ihrer Bürgermeisterin. Aber Raggi will sich nicht so einfach beiseiteschieben lassen: Sie betonte zu Beginn ihrer Wahlkampagne, sie konzentriere sich auf ihre Wiederwahl, habe "keinen Plan B" und arbeite im übrigen von morgens bis abends - sie habe ein reines Gewissen.

Roms amtierende Bürgermeisterin Virginia Raggi im Gespräch mit einem Bürger | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Nimmt sie die Signale aus der Bevölkerung noch wahr? Roms Bürgermeisterin Raggi droht der Amtsverlust - nach nur einer Amtszeit. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Von 67 auf 18 Prozent

Die einstige politische Seiteneinsteigerin kämpft um ihr Amt, tourt im Wahlkampf durch die Stadtteile. Auch wenn, wie an diesem Nachmittag in Trastevere, häufig gerade mal ein paar Dutzend Menschen kommen.

Ein Kameramann ihres Wahlkampfteams aber filmt ihren Auftritt, um Bilder in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Und zur Begrüßung haben die Organisatoren extra einen Operntenor organisiert. "Vincero" - "Ich werde siegen", singt der junge Mann für Raggi.

Die Umfragen aber sagen anderes. Für die Fünf-Sterne-Politikerin wollen nur noch 18 Prozent der Römerinnen und Römer stimmen. Ein beispielloser Absturz: Vor fünf Jahren hatten noch 67 Prozent im zweiten Wahlgang für Raggi votiert. 

Damals, sagt Buchautor und Journalist Mario Lavia, hätten die Bürger Hoffnungen mit ihr verbunden - aber sie seien enttäuscht worden. Sollte sie, wonach es aussieht, bereits im ersten Wahlgang scheitern, wäre es erste Mal überhaupt in Rom, dass ein amtierender Bürgermeister nicht in die Stichwahl kommt.

Erst Medienstar, dann gescheitert

Bei der vergangenen Wahl war Raggi als Spitzenkandidatin der populistischen Fünf Sterne noch gefeierter Medienstar. Auch die "New York Times" beschrieb sie als "neues Gesicht" und "Anti-Establishment-Kandidatin". Die gelernte Anwältin aber, sagt der Autor Lavia, sei mit ihren populistischen Versprechen an der Realität gescheitert.    

Sie habe es nicht geschafft, die Verwaltung in den Griff zu bekommen - da hätten ihr schlicht Kompetenzen gefehlt. Und nun sähen die Bürger, dass entgegen den Versprechen die drängenden Probleme nicht gelöst sind: der Verkehr, der Zustand der Straßen. Für "katastrophal" hält Lavi vor allem das Erscheinungsbild der Stadt, die mangelnde Sauberkeit.

Überquellende, stinkende Müllcontainer prägen Rom am Ende der Amtszeit Raggis. Auch der öffentliche Nahverkehr machte Negativschlagzeilen: mit über Monaten geschlossenen U-Bahnstationen und alten Bussen, die in Flammen aufgingen. Raggi musste zudem Mitarbeiter auswechseln, denen von der Justiz Korruption vorgeworfen wurde.

Wildschweine suchen in Rom in Abfallresten nach Nahrung | AP

Auch eine Folge der Müllkrise in Rom: Wildschweine, die in Abfallresten nach Nahrung suchen, sind zu einer häufigen Erscheinung geworden. Bild: AP

Das Müllproblem: selbstverschuldet

Auf der Piazza in Trastevere aber verweist die 43-Jährige vor dem kleinen Häufchen ihrer Anhänger auf ihre schwierige Anfangszeit. Man habe ihr "Trümmer" hinterlassen, es habe kein Geld, keine Ausschreibungen gegeben. Aber dann habe sie wie ein guter Familienvater ordentlich gerechnet, bevor das Geld ausgegeben wurde: zum Beispiel, um viele Straßen zu erneuern. Zum derzeitigen Hauptthema in Stadt, der seit Monaten anhaltenden Müllkrise, sagt Raggi in ihrer halbstündigen Rede nichts.

Populismus-Experte Lavia verweist darauf, dass die Müllprobleme Roms größtenteils selbstverschuldet sind, weil sich Raggis Fünf-Sterne-Bewegung in der Region seit Jahren gegen den Bau von Müllverbrennungsanlagen sträubt.

Ins Rathaus auf dem Kapitolshügel dürfte nach der Wahl ein neuer Bürgermeister einziehen. In den Umfragen vorne liegen der Anwalt und Radiomoderator Enrico Michetti als Kandidat der Rechten sowie der ehemalige Finanzminister Roberto Gualtieri, der für die Mitte-Links-Parteien antritt. Außerdem im Rennen ist der frühere Wirtschaftsentwicklungsminister und Sky-Manager Carlo Calenda, der für kleinere linksliberale Parteien kandidiert - und der in den Umfragen mit Raggi ungefähr gleichauf liegt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Oktober 2021 um 10:22 Uhr.