Schild am Ortsausgang von Ischgl

Prozess um Corona-Ausbruch in Ischgl Staat Österreich lehnt Vergleich ab

Stand: 17.09.2021 13:20 Uhr

Eine Reihe von Versäumnissen von Staat und Gemeinde oder fehlerfreies Handeln der Behörden? Diese Frage gilt es zu klären, beim ersten Prozess um den Corona-Ausbruch im Tiroler Skiort Ischgl. Österreich weist die Vorwürfe zurück.

Beim ersten Prozess um den folgenschweren Corona-Ausbruch im Tiroler Skiort Ischgl hat der österreichische Staat eine einvernehmliche Lösung und Vergleichsverhandlungen abgelehnt. Die Republik vertritt die Auffassung, dass Regierung und Behörden mit dem damaligem Wissen über das Virus richtig gehandelt hatten. Die Klage sei deshalb grundlos - dies wurde zum Auftakt des Verfahrens deutlich.

Vor dem Wiener Landgericht fordern die Witwe und der Sohn Ulrich Schopf eines an Covid-19 gestorbenen Österreichers, der sich bei der Abreise aus Ischgl angesteckt haben soll, rund 100.000 Euro Schadenersatz vom Staat. "Mir geht es um Gerechtigkeit", sagte der Sohn am Rande des Prozesses. "Falls es einen Schadenersatz gibt, werden wir das Geld natürlich spenden", sagte er und verwies auf karitative Organisationen. Die Witwe nahm nicht an der Verhandlung teil, die von einem großen Medienaufgebot begleitet wurde.

Eine ganze Reihe von Versäumnissen

Bei der plötzlichen Schließung des Skiortes im März 2020 sieht der Anwalt der Hinterbliebenen, Alexander Klauser, eine ganze Reihe von Versäumnissen der Behörden. Diese hätten seiner Ansicht nach dazu geführt, dass Ischgl und Umgebung zu einem Corona-Hotspot wurden. Laut Klauser reagierten Behörden zu spät auf die ersten Infektionen und setzten Gesundheitsmaßnahmen nicht ausreichend um. Außerdem habe Kanzler Sebastian Kurz am 13. März eine Quarantäne für Ischgl ohne Vorbereitungen verkündet.

Tausende Urlauber seien dadurch unkontrolliert und dicht an dicht gedrängt geflohen. "Wer sich noch nicht in der Woche davor mit dem Coronavirus infiziert hatte, infizierte sich jetzt in überfüllten Pkws und Skibussen," sagte Klauser vor Journalisten. Mehr als 6000 Menschen aus 45 Ländern haben sich nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr in Ischgl und anderen Tiroler Urlaubsorten mit dem Virus angesteckt. Etwa fünf Prozent von ihnen leiden unter als Long Covid bekannten Langzeitfolgen der Infektion.

Klägeranwalt Alexander Klauser (rechts), Peter Kolba vom österreichischen Verbraucherschutzverein (mitte) und ihr Klient Ulrich Schopf (links)  | AFP

Klägeranwalt Alexander Klauser (rechts), Peter Kolba vom österreichischen Verbraucherschutzverein (mitte) und ihr Klient Ulrich Schopf (links) Bild: AFP

"Multi-Organversagen der Behörden"

Nach Angaben des österreichischen Verbraucherschutzvereins (VSV), der Klagen der Betroffenen unterstützt, starben von den tausenden Betroffenen 32 Menschen. VSV-Chef Peter Kolba sprach im RBB-Inforadio von einem "Multi-Organversagen der Behörden". "Das beginnt auf der Gemeindeebene, setzt sich über Bezirk, Land bis zum Bund fort."

Es ist die erste von 15 Klagen von Österreichern und Deutschen, die den verantwortlichen Behörden schwere Fehler im Umgang mit der Pandemie vorwerfen. Man rechnet jedoch damit, dass insgesamt bis zu 3000 Ansprüche an den Staat gestellt werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. September 2021 um 16:00 Uhr.

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Moderation 17.09.2021 • 20:14 Uhr

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