Rettungswagen | N. Hahn, WDR

Krieg in der Ukraine Zweite Rettung für Holocaust-Überlebende

Stand: 29.03.2022 11:36 Uhr

Jüdische Hilfsorganisationen versuchen, Hunderte Holocaust-Überlebende aus den umkämpften Gebieten der Ukraine zu retten. Eine Überlebende sagt: Die Lage in Charkiw sei schlimmer als das, was sie im Zweiten Weltkrieg erlebt habe.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi, z. Zt. Lwiw

Durch die offene Tür des Rettungswagens fällt warmes Sonnenlicht auf das Gesicht von Freyda Prytula. Sie schläft - die Reise aus Dnipro war anstrengend. Ihre Mutter habe Demenz, sagt Larissa Schtscherbyna, mit einem ARD-Team sprechen könne sie ohnehin nicht.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Und so beschreibt uns Larissa Schtscherbyna den Leidensweg ihrer Mutter: Wie sie im Zweiten Weltkrieg die Gewalt der deutschen Besatzer erlebt hat, wie sie später nach Israel ging. "In Israel hat sie einen Terroranschlag überlebt - das war wie ein Wunder." Als sie 90 Jahre alt war, habe sie durch die Demenz nicht mehr allein leben können. "Da haben wir sie zu uns in die Ukraine geholt."

Freyda Prytula | N. Hahn, WDR

Freyda Prytula schläft im Transportwagen auf der strapazenreichen Reise. Bild: N. Hahn, WDR

Freda Prytula ist eine von 20 Holocaust-Überlebenden, die inzwischen nach Deutschland geholt wurden - von der jüdischen Hilfsorganisation JDC und der Claims Conference, die Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und Holocaust-Überlebender vertritt. Etwa 500 sehr Pflegebedürftige warten noch auf die Überführung aus der Ukraine.

Larissa Schtscherbyna | N. Hahn, WDR

Larissa Schtscherbyna begleitet den Transport ihrer dementen Mutter Freyda Prytula, die den Holocaust überlebt hat. Bild: N. Hahn, WDR

"Sie wurden in ihren jungen Jahren im Stich gelassen und wir empfinden die ganz tiefe Verpflichtung, sie nicht wieder am Ende ihres Lebens im Stich zu lassen," sagt Rüdiger Mahlo von der "Claims Conference". Wenn jetzt nicht gehandelt werde, könne es schnell zu spät sein, meint Mahlo. Die Kosten trage die Organisation.

Militär beschlagnahmt Rettungswagen

Sara Koslowa hat Glück gehabt. Auch ihr Rettungswagen hat es aus dem stark umkämpften Charkiw bis zum ukrainisch-polnischen Grenzübergang Rawa-Ruska geschafft. Zwei Tage später schlug dort eine Rettungsaktion fehl: Das ukrainische Militär beschlagnahmte den Rettungswagen.

"Charkiw ist schrecklich geworden. Was ich im Zweiten Weltkrieg erlebt habe, ist nicht annährend mit dem vergleichbar, was da gerade passiert", erzählt Koslowa. "In Charkiw gibt es keinen Strom mehr, und die ganze Zeit wird geschossen."

Nun ist sie froh, nach Deutschland zu kommen - in ein Land, dass sich ihrer Meinung nach in den vergangenen Jahrzehnten so gewandelt hat: "Das ist jetzt eine ganz andere Generation, nicht die Generation von früher. Das sind jetzt komplett andere Menschen," sagt Koslowa.

"Wir möchten niemandem zur Last fallen"

Venjamin Chirameljewitsch ist 84 Jahre alt und bewegungsunfähig - er konnte nicht mehr in die Luftschutzkeller. Damals, im Zweiten Weltkrieg, wurde er vor der herannahenden Front nach Sibirien evakuiert. "Ich war damals erst drei Jahre alt. An das meiste erinnere ich mich nicht mehr", sagt er. "Ich denke noch an den schlimmen Hunger. Und den Rest…"

Jetzt geht es weiter nach Deutschland. Gern wäre er einmal als Tourist dorthin gefahren, sagt Chirameljewitsch. Er hat nur eine Sorge: "Wir möchten niemandem zur Last fallen. Wenn Gott will, wenn es Frieden gibt, gehen wir zurück. In Dnipro sind unsere Wurzeln."

Venjamin Chirameljewitsch | N. Hahn, WDR

Der 84-Jährige Venjamin Chirameljewitsch ist bewegungsunfähig. Er erinnert sich vor allem an den Hunger als Kleinkind. Bild: N. Hahn, WDR

So sind sie wieder auf der Flucht, diesmal in die andere Richtung, in das Land, von dem einmal das Unheil ausging. Heute kommt der Krieg aus Russland, einst Herzstück der Sowjetunion - dem Staat, von dessen Völkern der stärkste Widerstand gegen Nazi-Deutschland ausging. Am liebsten möchte Tamara Schurbenko, Chirameljewitschs Frau, darauf gar nicht angesprochen werden. Sie schweigt kurz und sagt dann leise: "Das ist einfach schrecklich. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen."

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 29.03.2022 um 00:35 Uhr.