Die Besitzerin des Platzes guckt auf das Ausmaß der Verwüstung.  | dpa

Europäische Flutwarnbehörde Wer wusste wann was?

Stand: 20.07.2021 02:43 Uhr

Nach der letzten großen Hochwasserkatastrophe im Jahr 2002 wurde die Europäische Flutwarnbehörde Efas gegründet. Nun gab es wieder hohe Opferzahlen und Milliardenschäden. Eine britische Expertin spricht von einem "monumentalen Systemversagen".

Von Jakob Mayr, ARD-Studio Brüssel

Das Europäische Flutwarnsystem Efas hat nach EU-Angaben schon Ende vorvergangener Woche Alarm geschlagen: Da wurde eine hohe Wahrscheinlichkeit von Überflutungen für den Rhein in Deutschland und der Schweiz vorhergesagt, danach auch hohes Hochwasserrisiko für die Maas in Belgien.

Jakob Mayr ARD-Studio Brüssel

Ab dem 10. Juli, Samstag vor einer Woche, wurden demnach die ersten Efas-Warnungen an die zuständigen nationalen Behörden geschickt. EU-Kommissionssprecherin Sonya Gospodínova sagt: "In diesem Fall wurden den nationalen Behörden Hochwasserwarnungen über das hohe Überschwemmungsrisiko in den kommenden Tagen übermittelt. Das Warnsystem ist nicht für Warnungen an die Bevölkerung oder Evakuierungen zuständig."

Mehr als 25 Warnungen bis zum 14. Juli

In Deutschland gehen die Efas-Meldungen an die Landesämter für Umwelt in Bayern, Hessen und Sachsen und an das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn. Das bayerische Landesamt für Umwelt in Augsburg bestätigt, dass es Efas-Flutwarnungen bekommt, als zusätzliche Informationsquelle zu eigenen Vorhersagen. Laut dem bayerischen Landesamt erfolgen auch Rückmeldungen, inwieweit die Warnungen zutreffend waren.

Die Meldungen des Efas wurden ab dem 10. Juli mehrmals aktualisiert, insgesamt wurden nach EU-Angaben bis zum 14. Juli mehr als 25 Warnungen für bestimmte Regionen des Einzugsgebiets von Rhein und Maas versendet.

Efas ist eine europäische Kooperation

Das European Flood Awareness System Efas ist ein Copernicus-Projekt, und das wiederum ist das EU-Programm zur Beobachtung der Erde, vor allem durch Satelliten. Für Efas haben sich mehrere über Europa verstreute Institutionen zusammengetan, die Daten für ihre Empfänger aufbereiten. Das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen in Reading westlich von London liefert tägliche Vorhersagen und technischen Support. Wissenschaftliche Institute in Schweden und der Slowakei analysieren die Ergebnisse und geben sie an die Partner weiter.

Ein deutsches Konsortium unter Beteiligung des Deutschen Wetterdienstes sammelt meteorologische Informationen. Die Karten, Diagramme und Tabellen von Efas gehen an insgesamt 75 Partner, darunter nationale und regionale Behörden überall in Europa. Zweimal täglich werden die Vorhersagen aktualisiert, auf Wunsch bekommen die Partner auch Warnmeldungen. Viele nationale Dienste beziehen daneben andere Daten mit ein, um detailliertere Vorhersagen für ihre Region zu erstellen.

Lehre aus der letzten großen Flutkatastrophe

Efas ist ein Kind der letzten großen Flutkatastrophe, es wurde als Folge der verheerenden Überschwemmungen an Elbe und Donau im Sommer 2002 gegründet. Damals kamen Warnungen vor dem Hochwasser zu spät, sie waren unvollständig und stammten aus verschiedenen Quellen, was Planung und Organisation der Hilfe erschwerte.

Seit knapp neun Jahren läuft Efas im Vollbetrieb als Teil des Notfall Management Service des Copernicus-Programms. Dass ein Hochwasser auch im Sommer 2021 derart fürchterliche Folgen hatte - Tote, Verletzte, Milliardenschäden - das nennt die britische Forscherin Hannah Cloke im Interview mit der "Sunday Times" ein "monumentales Systemversagen".

Auf Anfrage sagt die Professorin an der Universität Reading, sie sei sehr überrascht, dass so viele Menschen umkamen, obwohl alle wussten, was kommt und genügend Zeit war, um Menschen in Sicherheit zu bringen.

Wir müssen herausfinden, wann wer welche Information ausgegeben hat und was die Leute damit machten. Wir müssen uns die Aktionspläne anschauen, wir müssen sie ändern und ausprobieren.

Cloke hat am Aufbau des Europäischen Flutwarnsystems Efas mitgearbeitet. Sie sagt, sie könne die Enttäuschung der Menschen absolut nachvollziehen und sie teile sie. "Ich arbeite mein ganzes Leben lang an Flutwarnungen und es bricht mir das Herz, wenn Menschen sterben, wenn man etwas hätte tun können, um sie zu retten." Um bei Hochwasser angemessen zu reagieren braucht es nach den Worten der britischen Wissenschaftlerin eine Ereigniskette, die gut ineinandergreift. Jetzt müsse jedes Kettenglied untersucht werden, um für künftige Fälle Fehler abzustellen.

Dieser Beitrag lief am 20. Juli 2021 um 08:09 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur.