Blick auf Wasser und viele Boote am Ufer von Kingston (Großbritannien) | ARD London
Europamagazin

Großbritannien Kingston ringt mit der Delta-Variante

Stand: 19.06.2021 06:29 Uhr

Andere Symptome, deutlich ansteckender: Die Delta-Variante beunruhigt Großbritannien. Wo sie sich verbreitet, sind schnelle Gegenmaßnahmen erforderlich.

Von Sven Lohmann, ARD-Studio London

Beim morgendlichen Blick auf die Zahlen ist Ilona Lidington klar, dass etwas getan werden muss. In Kingston, einem Vorort von London, schießen die Corona-Zahlen wieder in die Höhe: Plötzlich sind es vier Mal so viele Fälle wie am Vortag?

Sven Lohmann ARD-Studio London

Ende Mai war das, und weil es auch in den Tagen danach so weiterging, sprachen lokale Medien von einem "Ausbruch". Lidington leitet das Gesundheitsamt in Kingston und trommelt ihr Team zusammen. Sie will vor allem herausfinden, warum das Virus so plötzlich wieder um sich greift, um gegensteuern zu können. Mittlerweile ist die Delta-Variante des Coronavirus die dominierende in Großbritannien. Sie zeichnet für 90 Prozent aller Erkrankungen verantwortlich.

Auf der Suche nach mehr Informationen

Das Gesundheitsamt will mehr Informationen über den Infektionsanstieg. Lidington lässt in alle Schulen und Universitäten PCR-Tests schicken; alle sind aufgerufen, sich zweimal pro Woche testen zu lassen. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schwärmen im Ort aus und verteilen Schnelltests an alle, die sie erwischen.

Sie richtet außerdem ein zusätzliches Testzentrum mit PCR-Tests ein und ruft die Bevölkerung auf, vorbeizukommen - und zwar ausdrücklich diejenigen, die keine Symptome haben. Lidington will sich so ein umfassendes Bild machen: Wer ist von der Delta-Variante bedroht? Wer nicht?

Teststation in Kingston (Großbritannien) | ARD London

Vorbeugen und wichtige Informationen zusammentragen: Ilona Lidington in einem Testzentrum in Kingston. Bild: ARD London

Viele lassen sich schnell testen

Kingston hat 180.000 Einwohner. Innerhalb einer Woche haben sich 20.000 testen lassen - mehr als jeder Zehnte. "Damit sind wir sehr zufrieden", sagt Lidington.

Die zahlreichen Restaurants und Cafés an der Flaniermeile entlang der Themse sind schon vormittags voll - zum späten Frühstück. Wer mittags kommt, muss auf einen Tisch warten. Im Ortskern laufen die Menschen in die Geschäfte, auf dem Marktplatz ist ein Kommen und Gehen.

Dort sitzt Guy Beech an einem Tisch und trinkt eine Limonade - obwohl er sie gar nicht richtig schmeckt. Er hatte Covid-19, zehn Tage ist das her. Am Anfang habe er gedacht, es sei eine Erkältung. Schnupfen, Halsweh, Kopfschmerzen plagten ihn. "Dann aber war auch der Geschmacksinn weg und ich dachte, ich teste mich mal lieber", erzählt er. Beech hatte schon eine Impfspritze bekommen, die hat ihn aber nicht geschützt. Der Test war positiv - die Delta-Variante, wie ihm das Gesundheitsamt durch einen Anruf mitteilte.

Guy Beech | ARD London

Guy Beech wähnte sich durch die erste Impfung auf dem Weg zum Schutz gegen das Coronavirus. Dann zeigten sich die Syptome der Krankheit. Bild: ARD London

Ungewohnte Symptome

Lidingtons Behörde kann ihm das so genau sagen, weil sie alle Tests in Kingston auch sequenzieren lässt. Beechs Fall ist typisch: Die Anzeichen können von den bekannten Covid-19-Symptomen abweichen und wie eine normale Erkältung daherkommen. So wird es auch aus anderen Gemeinden berichtet.

Nahezu alle Fälle in Kingston sind auf die Delta-Variante zurückzuführen. Wie Beech sind Menschen betroffen, die bisher nur eine Impfdosis erhalten haben. Und noch mehr die jungen Leute, die bisher noch ungeimpft sind.

Kingston hat eine Vielzahl an Schulen, dazu drei Universitäten. Deshalb sind im Ort die Zahlen so nach oben geschossen - denn in Großbritannien wird konsequent nach Altersstufen geimpft. Die unter 25-Jährigen sind bisher ungeschützt und jetzt erst an der Reihe. "Wir impfen deswegen jetzt noch mehr, um möglichst schnell auch die junge Generation versorgen zu können und das Problem in den Griff zu bekommen", sagt Lidington.

Landesweite Entwicklung

Was in Kingston im Brennglas zu beobachten ist, gilt auch für ganz England. Zwar bieten nach Angaben der Regierung zwei Impfdosen einen sehr hohen Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf bei der Delta-Variante, zwischen 85 bis 98 Prozent. Eine Spritze sei jedoch weniger wirksam als bei den Vorgänger-Varianten. Möglicherweise bestehe nur ein 60-prozentiger Schutz vor einem schweren Verlauf - und ohne Impfung sei das Risiko doppelt so hoch, ins Krankenhaus zu kommen.

"Die Delta-Variante ist ansteckender", sagt Linda Bauld vom Gesundheitsinstitut an der Universität Edinburgh, "weil weniger Viren reichen, um Menschen zu infizieren". Die Krankheitsfälle und auch die Krankenhauseinlieferungen steigen deshalb wieder in England.

Eigentlich sollten ab Montag nahezu alle coronabedingten Maßnahmen wieder aufgelöst werden. Das hat die britische Regierung vorsorglich um vier Wochen verschoben, um Zeit zu gewinnen. Sie will angesichts der Erkenntnisse erst ihr Impfprogramm vorantreiben und zwei Drittel der Bevölkerung mit zwei Impfdosen versorgt haben, bis auch Nachtclubs wieder öffnen und Theater- oder Sportveranstalter alle Plätze belegen dürfen.

Am 19. Juli soll es dann soweit sein. In Kingston geht das Leben deshalb weitestgehend normal weiter - es sollen nur alle vorsichtig sein und sich regelmäßig testen lassen. Dann, glaubt Ilona Lidington vom Gesundheitsamt, sähen auch die Zahlen in Kingston bald wieder besser aus. 

Über dieses Thema berichtete das Erste am 20. Juni 2021 um 12:45 Uhr im Europamagazin.