Eine volle Regent Street in London. | REUTERS

Coronavirus Haben die Briten die Pandemie besiegt?

Stand: 24.11.2021 03:33 Uhr

Die britische Regierung verbreitet den Eindruck, man habe die Pandemie besiegt. Dabei ist die Zahl der täglichen Neuinfektionen ähnlich hoch wie in Deutschland. Warum bleiben die Briten dennoch gelassen?

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Großbritannien werde das erste Land sein, das die Pandemie besiegt hat, sagte der britische Erziehungsminister Nadhim Zahawi in dieser Woche. Und das Boulevard-Blatt "Daily Mail" machte daraus eine triumphierende Überschrift mit den Fotos leergefegter Weihnachtsmärkte in Deutschland und Österreich und mit dem Bild brennender Barrikaden während der Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen in Belgien.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Denn in Großbritannien bleibt es dabei: Es gibt nur wenige Einschränkungen im öffentlichen Raum, und das schon seit dem sogenannten Freedom Day, dem 19. Juli 2021. Seitdem hat sich der Wert der täglichen Neuinfektionen irgendwo zwischen 30.000 und 50.000 eingependelt.

Beim Boostern schon weit

Die Politik hält am Kurs fest, jetzt wird geboostert. Seit diesem Montag sind alle 40- bis 49-Jährigen aufgerufen worden, zur Auffrischungsimpfung zu gehen, wenn die zweite Impfung schon sechs Monate zurück liegt. Gesundheitsminister Javid Savid sagte, man wolle das vermeiden, was man in Europa sehe, schließlich möge das Virus die kalten, kurzen Wintertage.

Das britische Booster-Programm mache den "große Unterschied" aus, so Javid: "Es ist das erfolgreichste in ganz Europa. 15 Millionen im Vereinigten Königreich wurden geimpft. 25 Prozent aller über 12 wurden bereits zum dritten Mal geimpft."

Wo der Vergleich hinkt

Auf diese Zahlen ist die Regierung stolz. Wobei die Vergleichbarkeit etwas hinkt: Großbritannien war früher betroffen, hat schneller geimpft, viele müssen nun auch aus zeitlichen Gründen rasch die Auffrischung erhalten.

Großbritannien steht etwas besser da, weil beispielsweise bei den älteren Personen die Impfquote höher ist als in Deutschland. Warum die Infektionszahlen im Vereinigten Königreich nicht weiter steigen, dafür gibt es aus Sicht von Beate Kampmann mehrere Gründe. Sie ist Professorin für Kinderinfektiologie und Direktorin am Impfzentrum des Londoner Tropeninstituts.

Eine "community immunity", also eine Herdenimmunität könne man durch natürliche Infektionen und durch Impfungen erreichen. Und da sei man im Vereinigten Königreich etwa besser aufgestellt - auch weil es viele Teenager und Jugendliche gebe, die eine Infektion hatten, bevor das Land mit dem Impfprogramm für junge Leute startete.

Weit entfernt vom Sieg über das Virus

Täglich werden im Vereinigten Königreich zwischen 600 und 1000 Personen in Krankenhäuser eingeliefert, die Zahl der Toten liegt zwischen 100 und 200 am Tag. Beate Kampmann warnt: Von "besiegt" könne keine Rede sein.

Eine Debatte um strengere Corona-Maßnahmen gibt es nicht, die Zahl der Toten ist in dem Sinne gesellschaftlich akzeptiert. Debattiert wird selbstverständlich die Belastung für den staatlichen Gesundheitsdienst NHS. Ärzte und Pflegekräfte kritisieren seit Jahren Personalengpässe und fehlende Milliarden.

Die Mängel im Gesundheitssystem

Etwa 5,9 Millionen Menschen warten auf eine Krankenhausbehandlung. Mit Konsequenzen, sagt Kampmann: Es gebe viele Leute, deren Krebsdiagnose übersehen oder deren chronische Erkrankung nicht so behandelt werde, wie sie eigentlich behandelt werden sollte. "Und da werden wir noch ganz schlimme Konsequenzen sehen", befürchtet Kampmann.

Die Regierung hat gerade erst Milliarden zur Unterstützung der Gesundheitsversorgung und Pflege bereitgestellt, neue Stellen sollen besetzt werden. Doch derzeit fehlt vor allem das ausgebildete Personal.  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 24. November 2021 um 05:11 Uhr.