"Afghanische Schwestern, ihr seid nicht allein" steht auf einem Plakat, das eine Person auf einer Kundgebung für Afghanistan in Rom hochhält (Bild vom 25.09.2021). | AP

Vor G20-Sondergipfel Italien hofft auf "Korridor" aus Afghanistan

Stand: 12.10.2021 02:00 Uhr

Bei einem virtuellen Sondergipfel wollen sich die G20-Länder heute mit der Krise in Afghanistan beschäftigen. Dabei geht es um die Hilfsbemühungen für die Zivilbevölkerung und Korridore, die Flüchtlinge sicher nach Italien bringen sollen.

Von Elisabeth Pongratz, ARD-Studio Rom

November vergangenen Jahres. Afghanische Mädchen und Jungen haben sich für ein Video vor einem Haus im Rohbau aufgestellt. 'Wir starten die Zukunft" singen sie auf Darî. In dem Gebäude wird bald ihre Schule sein. Die Organisation "Wave of Hope for the Future" hatte sich darum gekümmert. Denn in dem Bezirk Farza nördlich von Kabul gab es keine Bildungsangebote, die frühere Schule war von den Taliban zerstört worden.

Elisabeth Pongratz ARD-Studio Rom

Nun ging es wieder los, Ende März begann der Unterricht. 650 Kinder besuchten die Schule, mehrheitlich waren es Mädchen. Mohammad Hamid Ehsan hat dort als Lehrer gearbeitet, ebenso am Sitz der Organisation in Kabul.

Wir haben auch Aktivitäten angeboten, die sich mit Bildung beschäftigten und der Förderung der Bildung. Wir hatten Kunst-Kurse. Und es gab Kurse, die sich mit dem Bewusstsein der Frauen und deren Rechte befassten.

Mit der Machtübernahme der Taliban änderte sich alles

Gerade Mädchen und Frauen nahmen an vielen Angeboten teil, sie besuchten Fotografie-Kurse, lernten Englisch oder bildeten sich in der Kalligraphie fort. Mit dem Abzug der westlichen Mächte aber änderte sich die Situation im Land grundlegend, so Costantino Tenuta von "Wave of Hope".

Die Schulen sind geschlossen worden, unser Büro ist zerstört worden, die Taliban haben unsere Angestellten gesucht - von Haus zu Haus.

Hamid war einer von zehn Mitarbeitern, die sich wie viele Tausende andere Afghanen plötzlich um ihr Leben sorgen mussten, als die Taliban an die Macht kamen.

Wir waren wegen unserer Aktivitäten alle in Gefahr, denn sie richteten sich ja gegen sie. Mir haben sie einige Fotos von mir geschickt. Ein Foto zeigte mich, wie ich neben einigen Mädchen stehe und ihnen gerade das Fotografieren beibringe. Sie sagten mir, dass sie die Mädchen und Frauen kontaktieren würden. Und dass ich ja für eine ausländische Organisation arbeiten würde.

Flucht nach Pakistan

Mit diplomatischer und militärischer Hilfe Italiens versuchten die zehn Mitarbeiter, mit einem Flugzeug nach Italien zu kommen. Aber es misslang. Was Hamid an drei Tagen und Nächten in der Nähe des Flughafens Kabul erlebte, vermag er kaum während des Skype-Interviews zu schildern. Die Situation sei sehr schlimm gewesen.

Kurz vor dem Anschlag verließen sie das Flughafengelände. In den Tagen danach konnten sechs Männer und zwei Frauen über den Süden nach Pakistan fliehen. Nun sitzen sie dort in der Wohnung eines Freundes fest, das italienische Konsulat ist involviert. Doch frei bewegen können sie sich nicht, so Costantino Tenuta.

Sie sind trotzdem Illegale. Denn sie haben kein pakistanisches Visum oder pakistanische Dokumente, sie müssen sich verstecken. Denn das Verhalten der Polizei und der pakistanischen Soldaten hat sich in diesen letzten Wochen verschärft. Sie suchen ständig nach Afghanen, die illegal in ihrem Land sind, um sie nach Afghanistan abzuschieben.

Humanitärer Korridor nach Italien geplant

Einmal, so erzählt Hamid, sei ein Kollege aus dem Haus gegangen, um Essen für alle zu kaufen. "Aber auf seinem Weg zurück hielt ihn die Polizei an und wollte seinen Ausweis sehen. Er konnte weder die örtliche Sprache noch hatte er einen Ausweis. Ich bin dann dort hingegangen und glücklicherweise konnten wir das Problem lösen. Wir haben dem Polizeibeamten Geld gegeben."

Mit Hilfe der italienischen Regierung, von Caritas und der katholischen Gemeinschaft Sant´Egidio will "Wave of Hope" seine Mitarbeiter nun sicher nach Italien bringen, und zwar über den sogenannten humanitären Korridor. Eine Initiative, die einst bei einem interreligiösen Dialog entstanden ist, so Tobias Müller von Sant´Egidio.

Wo ökumenisch zusammengearbeitet wird. Protestanten, Katholiken, andere Organisationen, Private, Gemeinden und so weiter. Die gemeinsam Menschen auf legalem Weg aus den Kriegsgebieten oder Nachbarländern nach Europa holen und hier für die Integration sorgen.

Die Kosten werden größtenteils über Spenden finanziert, mehrere Tausend Menschen konnten so in den vergangenen Jahren nach Europa reisen. Hamid und seine Kollegen hoffen nun in Pakistan, dass auch sie bald nach Italien ausreisen dürfen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Oktober 2021 um 07:32 Uhr.