Jean-Marc Sauve (l) übergibt Kopien eines Berichts zu Kindermissbrauch an Bischof Eric de Moulins-Beaufort. | dpa

Katholische Kirche 330.000 Missbrauchsopfer in Frankreich

Stand: 05.10.2021 14:19 Uhr

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Frankreich hat einer Untersuchungskommission zufolge erschreckende Dimensionen. Seit 1950 gab es demnach Hunderttausende minderjährige Opfer. Die Experten fordern Reformen.

Sexualisierte Gewalt war Teil des Systems, sagt Jean-Marc Sauvé, Leiter der Untersuchungskommission zur sexualisierten Gewalt gegen Minderjährige in Frankreichs katholischer Kirche. Nach zweieinhalb Jahren kommt die Kommission zu dem Schluss: Etwa 330.000 Kinder wurden Opfer sexualisierter Gewalt in der Kirche. In 216.000 Fällen waren die Täter offenbar Geistliche, in Tausenden weiteren Fällen waren es Laienmitglieder der Kirche. 

Ernste Konsequenzen

Die Untersuchungskommission selbst identifizierte 2700 Fälle. Zu Beginn der Untersuchung hatte die Kommission eine Hotline eingerichtet, über die sie anfangs 6500 Anrufe von Betroffenen oder Angehörigen bekam.

In ihrem 2500 Seiten langen Bericht beruft die Kommission sich zudem auf wissenschaftliche Untersuchungen der vergangenen 70 Jahre. Ungefähr 3000 Täter habe es gegeben, zwei Drittel davon Geistliche. Vier von fünf Opfern seien männlich.

Die meisten Taten seien inzwischen verjährt, auch 40 Fälle von Tätern, die noch am Leben sind. In 22 Fällen könne jedoch noch eine rechtliche Aufarbeitung erfolgen, so Sauvé bei der Vorstellung des Berichts. Sie wurden an die Staatsanwaltschaft übergeben.

Mitwisser haben weggeschaut

Die Konsequenzen sexualisierter Gewalt seien sehr ernst, sagte Sauvé. Drei von fünf Betroffenen hätten im Erwachsenenalter Probleme mit ihrem Gefühls- und Geschlechtsleben.

Die katholische Kirche habe nicht nur nicht die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um sexualisierter Gewalt vorzubeugen, sondern auch aktiv weggeguckt, so Sauvé. Sie hätten bekannte Fälle nicht gemeldet und manchmal absichtlich Kinder in die Hände von Tätern gegeben.

Forderungen nach Reformen

Das Problem sei nach wie vor da, so Sauvé. Bis in die 2000er-Jahre habe die Kirche eine "tiefe, grausame Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern" gezeigt. Erst seit 2015 ändere sich ihre Einstellung langsam. Auch die kirchlichen Lehren zu Themen wie Sexualität, Gehorsam und der Unantastbarkeit des Priestertums müssten sich ändern, so Sauvé.

Die Kommission veröffentlichte 45 Ratschläge, wie sexualisierter Gewalt in der Kirche vorgebeugt werden könne. Dazu zählt, Priester und andere Geistliche anders auszubilden, das katholische Kirchenrecht zu reformieren und Opfer anzuerkennen und zu entschädigen.

Die unabhängige Untersuchungskommission war Ende 2018 von der französischen Bischofskonferenz eingerichtet worden, um angesichts des Missbrauchsskandals für mehr Transparenz und Vertrauen zu sorgen.

Bitte um Verzeihung

Die Untersuchungskommission habe endlich die Verantwortung der Kirche institutionell anerkannt, sagte der Gründer der Opferorganisation "La Parole Libérée", François Devaux, bei der Vorstellung des Berichts: "Etwas, das die Bischöfe bis heute nicht geschafft haben." Die Bischöfe sollten für die Verbrechen bezahlen.

Der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Éric de Moulins-Beaufort, bat die Opfer um Verzeihung. Die Bischöfe seien "entsetzt" über die Ergebnisse der Untersuchungskommission und die Zahl der Opfer.

Über dieses Thema berichte Deutschlandfunk am 05. Oktober 2021 um 14:00 Uhr außerdem berichtet die tagesschau um 20:00 Uhr.