Vor dem Pariser Musikklung Bataclan umarmen sich am 13.11.2015 nach dem Terroranschlag zwei Frauen | AP

Anschlagsserie von 2015 Ein Prozess auch für künftige Generationen

Stand: 08.09.2021 06:00 Uhr

Vor einem Pariser Gericht geht es ab heute um die Anschlagsserie vom November 2015. In einer koordinierten Aktion töteten Terroristen damals 130 Menschen. Was erwartet das Land von dem "Jahrhundertprozess"?

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Es ist die Nacht vom 13. auf den 14. November 2015, als der damalige Präsident François Hollande zum Musikklub Bataclan eilt, einen von mehreren Orten in Paris, wo kurz zuvor Terroristen insgesamt 130 Menschen erschossen hatten. In dieser Nacht vor dem Bataclan, wo allein 90 Menschen starben, habe er "den Horror vor Augen" gehabt, erinnert er sich jetzt in einem Exklusiv-Interview mit dem ARD-Studio Paris.

Menschen kamen heraus, die das Schlimmste erlebt hatten. Und die Rettungskräfte waren voller Entsetzen - sie sahen von Kugeln entstellte Gesichter, reglos verschlungene Körper. Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit heute weiß, was dort passiert ist. Darum geht es in dem Prozess.
Stefanie Markert ARD-Studio Paris

542 Ermittlungsordner, 140 Verhandlungstage. Mehr als 330 Anwälte. Und mehr als 140 akkreditierte Medien aus fast 60 Ländern. Ex-Präsident Hollande verhängte damals den Ausnahmezustand und ließ die Grenzen schließen. Nun wird er aussagen.

Das Bataclan nach dem Überfall der Terroristen: Die Ankündigung des Eagles-of-Death-Metal-Konzerts ist noch zu sehen. | AFP

Das Bataclan in Paris war von radikalen Islamisten schon vor dem Massaker von 2015 wiederholt bedroht worden. Am 13. November 2015 ließen sie ihren Worten grausame Taten folgen. Bild: AFP

"Die Demokratie hat das letzte Wort"

Er wolle den Angeklagten in die Augen sehen, sagt er - und sie sollten ihn sehen und wissen: "Die Demokratie hat das letzte Wort. Selbst angesichts von Terror müssen wir die Angeklagten anhören, ihnen Anwälte gestatten und sie verurteilen, wenn sie schuldig sind."

Der Prozess hat für Hollande auch einen pädagogischen Wert. Nachfolgende Generationen sollten verstehen, wie sich Menschen zu solchen barbarischen Aktionen hinreißen ließen. Deshalb werde der Prozess gefilmt und veröffentlicht, wie es beim Prozess gegen Klaus Barbie war.

Der Prozess gegen den NS-Kriegsverbrecher und "Schlächter von Lyon" war 1987 der erste, der in Frankreich für die Geschichte aufgezeichnet wurde. Die Historikerin Virginie Sansico forscht zur Justizgeschichte und zum juristischen Terrorismus-Begriff. Sie ordnet den Prozess in andere Verfahren zu besonders folgenschweren Taten in Frankreich ein und verweist ebenfalls auf die filmische Dokumentation - das Verfahren werde schon vor Beginn als historisch eingeschätzt.

 Anschläge am 13. November 2015 in Paris | AFP
Die Anschlagserie von 2015

Islamistische Extremisten griffen am Abend des 13. November 2015 in einer koordinierten Aktion zahlreiche Ziele in Frankreichs Hauptstadt Paris an. In der Konzerthalle Bataclan richteten sie während eines Auftritts der Band "Eagles of Death Metal" ein Massaker an und töteten 90 Menschen. Im Osten der Stadt beschossen sie Bars und Restaurants. Am Stade de France in Saint-Denis sprengten sich Selbstmordattentäter während des Fußball-Freundschaftsspiels zwischen Deutschland und Frankreich in die Luft. Es waren die bislang folgenschwersten Angriffe in Friedenszeiten für Frankreich. Insgesamt starben 130 Menschen.

Kein Schlusspunkt

Sansico erinnert zugleich an den Prozess zum Anschlag auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo": Dieser habe das Thema beenden sollen - aber während des Tribunals habe es dann neue Anschläge gegeben. Das stimmt sie skeptisch: "Die Hoffnung, einen Schlusspunkt zu setzen, wird auch dieser Prozess nicht erfüllen können, der durchaus gigantisch wird." 

Aber man habe aus der juristischen Aufarbeitung des "Charlie-Hebdo"-Attentats gelernt - die Anhörungen fangen nun erst mittags an. Besser für Richter und Polizei, die die Angeklagten nicht in aller Herrgottsfrühe bringen müssen. Der Prozess findet unweit der Kathedrale Notre Dame im Justizpalast statt. In den historischen "Saal der verlorenen Schritte" mit seinem Marmorboden und den hohen Gewölben wurde für mehr als acht Millionen Euro ein Saal eingepasst: "Grand procès" - "großer Prozess" heißt er.

Im Inneren schlichte, helle Holzbänke wie in einer modernen Kirche. 550 Personen passen hinein. Es gibt eine Sicherheitsbox für die Angeklagten. Und zehn Kameras für den Mitschnitt. Für die rund 1800 Zivilkläger stehen bis zu zehn weitere Säle mit Live-Übertragung zur Verfügung.

Der speziell für das Verfahren zu den Anschlägen von 2015 errichtete Prozesssaal in Paris | AP

Ein schlichter Prozesssaal: Der eigens für den Mammutprozees um die Anschläge von 2015 errichtete Saal wird ein Mammutverfahren beherbergen. Bild: AP

Historikerin Sansico weiß - von solchen Prozessen werde oft eine Katharsis erhofft, eine Reinigung, die es den Opfern erlaubt, sich neuen Dingen zuzuwenden. Aber so müsse es nicht kommen. Das könnte viele Geschädigte enttäuschen. Denn: "Ein Strafprozess ist nicht dazu da, um es den Opfern leichter zu machen, sondern um die Angeklagten zu richten. Das ist der Zwiespalt."    

Novum diesmal: Die Zivilkläger können den Prozess auch per Webradio 30 Minuten zeitversetzt von zu Hause verfolgen. Das hat Grégory Reibenberg nicht vor. Der Eigentümer der Brasserie "La Belle Équipe" will lieber Musik im Radio hören. Denn sein Restaurant war einer der sechs Tatorte. Vor seinen Augen starben mehr als 20 Menschen, darunter die Mutter seiner heute 14-jährigen Tochter.

"Wir müssen unsere Zivilisation zeigen"

Dass es einen Prozess gebe, sei "sehr gut", sagt Reibenberg. Er ist in dem Verfahren Zivilkläger für seine Tochter und will aussagen - "für die Opfer. Das ist mir eine Ehre. Wir müssen unsere Zivilisation zeigen und Recht sprechen." Und ihm ist wichtig, "dass die Namen der Opfer öfter zu hören sind, als die der Henker".

Die 20 Angeklagten, 14 davon anwesend, will er aber nicht sehen. Er will verstehen, ob die Täter nur Handlanger waren oder Schläfer. Denn das, was man an jenem Abend erlebt habe, seien keine Attentate gewesen - "das war eine Militärattacke, eine neue Kriegsform". Mehr wolle er nicht wissen. Deshalb wolle er den Prozess nur am Anfang und am Ende verfolgen."

Bis heute schließt Restaurantchef Reibenberg jeden 13. des Monats. Es sei ein guter Grund für den Prozess, wenn durch ihn auch nur ein Mensch heile.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. September 2021 um 09:00 Uhr.

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Moderation 08.09.2021 • 14:14 Uhr

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