Eine Rettungsweste treibt im Ärmelkanal. | REUTERS

Flüchtlinge im Ärmelkanal Viele Tote bei Bootsunglück

Stand: 25.11.2021 08:04 Uhr

Mindestens 27 Flüchtlinge sind bei der Überfahrt über den Ärmelkanal gestorben. Ihr Schiff war zuvor gekentert. Frankreichs Staatschef Macron fordert mehr Einsatz gegen Schleuserbanden - und bekommt Vorwürfe von Großbritanniens Premier Johnson.

Beim Kentern eines Flüchtlingsbootes im Ärmelkanal sind offiziellen Angaben zufolge mindestens 27 Menschen gestorben. Das Unglück ereignete sich vor der Küste von Calais. Unter den Opfer befanden sich fünf Frauen und ein kleines Mädchen, teilte Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin in Calais mit. Vier Schleuser, die möglicherweise an der gescheiterten Überfahrt beteiligt waren, seien festgenommen worden, sagte Darmanin. "Das ist das größte Drama, was wir bisher erlebt haben."

Der Ärmelkanal zwischen Dover und Calais gilt als die verkehrsreichste Schifffahrtsstraße der Welt. Darmanin sagte, das Schlauchboot ähnele eher einem aufblasbaren Swimmingpool für den Garten. Auch Premierminister Jean Castex sprach von einer Tragödie, seine Gedanken seien bei den zahlreichen Opfern.

Viele konnten nur noch tot geborgen werden

Die Besatzung eines Bootes der französischen Marine habe am Nachmittag vor der Küste von Calais mehrere Menschen im Wasser treiben sehen, teilte das Innenministerium in Paris mit. Viele von ihnen konnten nur noch tot geborgen werden, mehrere Schiffbrüchige wurden teils bewusstlos von der Marine an Bord genommen.

Wie die Maritime Präfektur mitteilte, hatte ein Fischerboot einen Notruf abgesetzt, wonach sich mehrere Migranten in Seenot im Ärmelkanal befänden. Mit drei Booten und Hubschraubern aus Frankreich und Großbritannien bemühten sich Helfer um eine Bergung. Die Suche sei dann am Abend abgebrochen worden. Sie hätten zuvor mehrere Verunglückte aus dem Wasser holen können, einige seien in Lebensgefahr.

Frankreich und Großbritannien machen sich Vorwürfe

Nach dem Unglück geben sich britische und französische Stellen gegenseitig die Schuld an der Katastrophe. Der britische Premierminister Boris Johnson mahnte zwar eine Zusammenarbeit an, zugleich forderte er aber Frankreich zu schärferen Kontrollen auf. Der Vorfall zeige, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichten, um Migranten von der gefährlichen Überfahrt abzuhalten.

Johnson bot zudem an, die französischen Beamten bei den Kontrollen am Kanal zu unterstützen. Wenn den Schleusern nicht deutlich gemacht werde, dass ihr Geschäftsmodell nicht mehr funktioniere, würden sie weiterhin das Leben von Menschen aufs Spiel setzen und "mit Mord davonkommen", sagte Johnson.

Hingegen warf die Bürgermeisterin der französischen Küstenstadt Calais, Natacha Bouchart, Johnson Feigheit vor. Der Premier übernehme keine Verantwortung, sagte Bouchart. Innenminister Darmanin pochte auf ein härteres Vorgehen gegen die Schleuser, die er mit Terroristen und großen Drogenbossen verglich. "Das ist ein internationales Problem", sagte er. "Die Antwort muss auch aus Großbritannien kommen, wir müssen gemeinsam gegen Schleuser kämpfen." Nötig sei ein koordiniertes Vorgehen auch unter Einbindung von Belgien, den Niederlanden und Deutschland.

Macron und Johnson wollen Anstrengungen verstärken

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Johnson gaben an, über Schritte zur Verhinderung weiterer solcher Dramen zu beraten. Beide hätten sich auf verstärkte Anstrengungen verständigt, Schleuserbanden zu stoppen, die das Leben von Menschen in Gefahr bringen, teilte die britische Seite nach einem Telefonat gestern Abend mit. Zugleich betonten Macron und Johnson die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit mit Belgien, den Niederlanden und anderen Partnern auf dem Kontinent.

Macron äußerte nach Angaben des Elysée-Palastes in Paris die Erwartung, dass die Briten zur Zusammenarbeit bereit seien und das Flüchtlingsdrama nicht zu politischen Zwecken instrumentalisierten. Es müsse in einem Geist der Kooperation und unter Achtung der Menschenwürde gehandelt werden.

Macron rief zudem zu einer Krisensitzung auf europäischem Niveau auf. Frankreich werde nicht zulassen, dass der Ärmelkanal sich in einen Friedhof verwandele und Schleuser Menschenleben in Gefahr brächten. Die Mittel der Grenzschutzagentur Frontex an den Außengrenzen der EU müssten unverzüglich erhöht werden.

Bereits 7800 Menschen aus Seenot gerettet

Nach Angaben der zuständigen Präfektur ist die Zahl der versuchten Überfahrten von Frankreich nach Großbritannien seit Beginn des Jahres auf 31.500 gestiegen. Damit hat sie sich seit August verdoppelt. Etwa 7800 Menschen wurden aus Seenot gerettet. Insgesamt sind 2021 bislang mindestens zwölf Menschen gestorben oder gelten als vermisst. Die Überfahrten von Migranten nach Großbritannien tragen erheblich zu den Spannungen zwischen Paris und London bei.

Die Migranten nutzen oft seeuntaugliche Boote und zahlen Schleppern hohe Preise. Viele wollen nach Großbritannien, weil sie die Sprache sprechen und dort bereits Bekannte oder Verwandte haben. Der Anstieg der Zahlen seit August dürfte damit zu tun haben, dass die Überfahrt mit den sinkenden Temperaturen demnächst noch gefährlicher wird. "Man kann nicht oft genug betonen, wie kriminell die Schlepper sind, die diese Überfahrten organisieren", sagte Innenminister Darmanin.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. November 2021 um 09:00 Uhr.