Ein polnischer Grenzpfahl am Oderufer nahe Kostrzyn. | picture alliance / NurPhoto

Fischsterben in der Oder "Nicht in kurzer Zeit regulierbar"

Stand: 16.08.2022 14:36 Uhr

Polens Regierung reagiert mit Entlassungen auf das Fischsterben. Während Wissenschaftler nach den Ursachen forschen, vergleicht die Opposition das Krisenmanagement mit dem Super-GAU in Tschernobyl.

Von Jan Kummer, ARD-Studio Warschau

Als größte Umweltkatastrophe in der Geschichte Polens wird im Land mittlerweile das bezeichnet, was gerade an der Oder geschieht: Fische sterben massenweise, die Auswirkungen auf andere Lebewesen und die Natur sind noch unklar - ebenso die Ursache. Mittlerweile sind 500 der insgesamt rund 800 Flusskilometer betroffen. Die polnische Regierung und die Behörden des Landes stehen unter großem Druck. Die Einwohner der betroffenen Regionen, Umweltschützer und die Opposition werfen ihnen vor, das Fischsterben lange ignoriert und zu spät gehandelt zu haben.

Izabela Leszczyna von der oppositionellen Bürgerkoalition verglich das Krisenmanagement mit dem Vorgehen der sowjetischen Behörden beim Atomunfall von Tschernobyl: Erst zwei Wochen nachdem Angler die ersten toten Fische gemeldet hatten und die Umweltkatastrophe von einem nationalen zu einem polnisch-deutschen Problem wurde, schaltete die Regierung einen Gang hoch.

Warnmeldungen wurden herausgegeben und Hunderte Polizisten und Soldaten an die Oder geschickt, um beim Bergen der toten Fische zu helfen und die Menschen von dem Fluss fernzuhalten; die Untersuchungen von Wasserproben wurden verstärkt und endlich auch Kontakte nach Deutschland aufgebaut. Außerdem mussten zwei hochrangige Beamte gehen. Es handelt sich um die Chefs der Staatlichen Wasserwirtschaft und der zentralen Umweltschutzbehörde.

Umweltministerin Anna Moskwa, Infrastrukturminister Andrzej Adamczyk und die deutsche Umweltministerin Steffi Lemke auf einer Pressekonferenz nach dem Krisentreffen zum Fischsterben. | EPA

Sorgenvolle Gesichter: Polens Umweltministerin Moskwa, Infrastrukturminister Adamczyk und die deutsche Umweltministerin Lemke auf einer Pressekonferenz nach dem Krisentreffen zum Fischsterben. Bild: EPA

Opposition fordert weitere Entlassungen

Doch das reicht vielen nicht. Die polnischen Grünen etwa haben Ministerpräsident Mateusz Morawiecki aufgefordert, auch die Wojewoden von Schlesien, Oppeln, Niederschlesien, Lebus und Westpommern zu entlassen. Das sind die fünf Verwaltungsbezirke, die an der Oder liegen. In Polen werden ihre Chefs nicht direkt gewählt, sondern von der Zentralregierung eingesetzt.

Die nationalkonservative Regierungspartei PiS versucht im Gegenzug, den gewählten und oft von der Opposition dominierten regionalen Parlamenten zumindest einen Teil der Schuld zu geben. Einig sind sich Regierung und Opposition aber in einem Punkt: Die Oder muss in irgendeiner Weise von irgendjemandem verschmutzt worden sein. Schwermetalle sind mittlerweile ausgeschlossen. Doch was war es dann? Die Untersuchungen laufen.

Mittlerweile sind Labore in Tschechien, Großbritannien und den Niederlanden daran beteiligt. Eine Erklärung für die lange Dauer der Prüfungen hat Professor Jacek Piskozub vom Ozeanologischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften: "Es könnte sich um eine organische Substanz handeln. Davon gibt es allerdings Hunderttausende. Diejenige herauszufinden, die das Fischsterben in der Oder verursacht hat, kann Monate dauern."

Klimawandel als Ursache?

Piskozub befürchtet allerdings auch, dass das Fischsterben mit dem Klimawandel zusammenhängen könnte; mit hohen Temperaturen, niedrigen Wasserständen und damit verbundenen organischen Prozessen im Wasser. "Davor hätte ich wirklich Angst, weil wir damit nicht umgehen können. Das wird sich nicht in kurzer Zeit regulieren lassen."

Umweltschützer und Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass es mindestens ein Jahrzehnt brauchen wird, das Ökosystem an, vor allem aber in der Oder wieder aufzubauen. Zumindest hat die Umweltweltkatastrophe eines geschafft: Das Thema Umweltschutz wird in Polen wieder stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen.