Arbeiter beteiligen sich an einer Aktion zur Reinigung der Oder von toten Fischen mit Hilfe eines flexiblen Damms | dpa

Fischsterben in der Oder Die zähe Suche nach der Ursache

Stand: 14.08.2022 21:36 Uhr

Wer und was ist schuld am Fischsterben in der Oder? Nach breiter Kritik an den polnischen Behörden traf sich Bundesumweltministerin Lemke mit ihrer Amtskollegin und sprach von einer "schlimmen Umweltkatastrophe".

Seit Tagen stehen Polens Behörden für ihre schleppende Weitergabe von Informationen in der Kritik. In Stettin traf sich Bundesumweltministerin Steffi Lemke nun mit ihrer polnischen Amtskollegin Anna Moskwa um weiter Licht ins Dunkel zu bringen. Es müsse "mit Hochdruck zusammengearbeitet werden, um das zu klären", so Lemke.

Polens Regierung hatte zuvor eingeräumt, dass Informationen zu der Umweltkatastrophe auch innerhalb Polens nicht weitergegeben worden sind. So hatten polnische Behörden nach Regierungsangaben bereits Ende Juli Hinweise, dass in dem Fluss massenweise verendete Fische treiben. Am Freitagabend entließ Regierungschef Mateusz Morawiecki deshalb die Leiter der Wasserbehörde und der Umweltbehörde. Er selbst habe erst am Mittwoch von dem massiven Fischsterben erfahren. "Ich wurde auf jeden Fall zu spät informiert", sagte Morawiecki.

Lemke will Schadensminimierung

Beim heutigen Krisentreffen in Stettin ging es um bessere Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen. Lemke betonte, bei dem Treffen hätten sich alle Beteiligten bemüht, eine konstruktive Arbeitsatmosphäre zu schaffen. "Die Frage, was wo und wie nicht funktioniert hat, hat für uns nicht im Vordergrund gestanden, sondern wir wollten Lösungen schaffen, um die Krise zu minimieren und den Verursacher zu identifizieren", sagte sie.

Dafür haben man "gute und gemeinsame Schritte" vereinbart. Dazu zählen insbesondere Verbesserungen bei den Informationsketten. Ziel sei nun die Schadensminimierung, die Information und der Schutz der Bevölkerung sowie die Identifizierung des Verursachers. "Es ist klar, dass wir uns einer wirklich schlimmen Umweltkatastrophe gegenübersehen", sagte die Ministerin. Die Auswirkungen, die sich möglicherweise auf Jahre erstrecken könnten, seien noch nicht absehbar.

Moskwa: Bislang keine toxischen Substanzen entdeckt

Die Suche nach der Ursache dauert indes an. Am Montag werden in Brandenburg weitere Labor-Ergebnisse erwartet. Geprüft wird unter anderem, ob ein erhöhter Salzgehalt im Wasser im Zusammenhang mit dem Fischsterben steht. Die polnische Regierung vermutet, dass womöglich eine riesige Menge an chemischen Abfällen in die Oder gekippt wurde. Zur Aufklärung des als Umweltkatastrophe bewerteten Fischsterbens setzte Polen eine Belohnung von mehr als 200.000 Euro aus.

Polens Umweltministerin Moskwa sagte nun, dass bislang keine toxischen Substanzen entdeckt wurden. Die Fische seien auf Quecksilber und andere Schwermetalle untersucht worden. In den kommenden Stunden würden die Proben der Fische auf weitere 300 schädliche Stoffe untersucht, darunter auch auf Pestizide. Zudem sollen Fischleichen seziert und das Verhalten der Fische kurz vor ihrem Verenden untersucht werden.

Laut Moskwa hätten Wasserproben einen erhöhten Sauerstoffgehalt ergeben, was für die Sommerperiode und den niedrigen Wasserstand ungewöhnlich sei. Möglicherweise sei es zu einem Oxidierungsprozess des Wassers gekommen. Dies könne darauf hindeuten, dass das Fischsterben möglicherweise keine natürliche Ursache habe, sondern dass es einen Täter gebe, der Substanzen ins Wasser eingeleitet habe.

Nach Angaben von Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel weist die Oder "sehr stark erhöhte Salzfrachten" auf. Das sind im Wasser gelöste Salze. Dem Landesministerium zufolge könnte dies in Zusammenhang mit dem Fischsterben stehen. "Nach jetzigen Erkenntnissen wird es jedoch nicht ein einziger Faktor sein, der das Fischsterben in der Oder verursacht hat."

Berichte über zusätzliches Wasser dementiert

Derweil dementierte die polnische Wasserbehörde Berichte, wonach zwischen Ende Juli und Anfang August Wasser aus Staubecken in den Fluss eingeleitet worden sein soll. Dies seien falsche Informationen, die in polnischen und deutschen Medien verbreitet würden, hieß es in einer Mitteilung der Behörde. Demnach sei der kurzzeitige Anstieg des Wasserspiegels auf die Wetterbedingungen zurückzuführen. In Tschechien habe es Ende Juli heftige Regenfälle gegeben, "die sich auf den Durchfluss und den Wasserstand der Oder auswirkten", heißt es in der Stellungnahme.

Das Landesumweltministerium Brandenburg hatte am Donnerstag in einer Mitteilung geschrieben, dass nach ersten Analyseergebnissen am 8. August eine "starke Welle organischer Substanzen" durch die Oder bei Frankfurt gegangen sei. Anschließend war darüber spekuliert worden, ob auf polnischer Seite Staustufen oder Rückhaltebecken geöffnet wurden, um eine mögliche Verunreinigung des Flusses schneller Richtung Ostsee zu spülen.

Bislang keine toten Fische im Stettiner Haff

Am Wochenende hatten im Oder-Grenzgebiet in Brandenburg Hunderte Helfer tote Tiere eingesammelt. Die Bürgermeisterin von Schwedt an der Oder, Annekathrin Hoppe, bezeichnete das Fischsterben als Umweltkatastrophe nie dagewesenen Ausmaßes. Vertreter des Nationalparks Unteres Odertal befürchten, dass sich die Auswirkungen noch Jahre hinziehen könnten.

Mittlerweile sind auch die Menschen an der Ostsee in Sorge. Dem Umweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern zufolge sind bisher aber keine Fischkadaver im deutschen Teil des Stettiner Haffs entdeckt worden. "Bislang hat die Wasserschutzpolizei keine Kadaver gesichtet, auch Anwohner haben uns bislang nichts Derartiges gemeldet. Dennoch sind wir weiterhin in Alarmbereitschaft und beobachten die Situation vor Ort genauestens", sagte Landesminister Till Backhaus in Schwerin.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. August 2022 um 20:00 Uhr.