Der zuvor festgesetzte britische Fischtrawler "Cornelis Gert Jan" verlässt den Hafen von Le Havre (Frankreich) | AFP

Fischerei-Streit Verhandeln statt festsetzen

Stand: 04.11.2021 12:08 Uhr

Frankreich und Großbritannien bemühen sich nach dem ruppigen Streit über Fischereirechte wieder um mehr Sachlichkeit. Doch der Konflikt um die Fischerei könnte im Norden Europas wieder aufflammen - mit anderen Beteiligten.

Von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Der Streit um den Fisch und die Fanggründe im Ärmelkanal - ist das eine Sache nur zwischen Frankreich und Großbritannien oder doch der gesamten Europäischen Union? Die EU-Kommission jedenfalls hält sich mit Stellungnahmen zurück. Brüssel hat lediglich dafür gesorgt, dass Paris und London dort gemeinsame Gespräche führen können. Offiziell ist davon nur so viel zu hören: Die Gespräche hätten in vielerlei Hinsicht Fortschritte gebracht und eine positive Dynamik entwickelt, um einer Lösung näher zu kommen, sagt Kommissionssprecher Tim McPhie.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Dabei sei der Konflikt eine klare Folge des Brexits, meint Klaus Ubel vom deutschen Fischereiverband, weil die Gewässer, um die es geht, bis dahin Fanggebiete für Fischkutter aus der gesamten EU waren - jetzt aber eben nicht mehr. Deshalb sei es für außenstehende Beobachter "ein ganz großes Rätsel, warum Frankreich so einen nationalen Alleingang machen muss und die EU so ein dröhnendes Schweigen von sich gibt", so Ubel.

Das Brexit-Abkommen lasse beim Fischfang auf hoher See Raum für Interpretationen, gerade auch bei den Lizenzen für einzelne Schiffe, die erforderlich sind, wenn sie in den Gewässern der anderen Seite fangen wollen. "Wir hätten erwartet, dass die EU da klare Unterstützung gibt in Bezug auf die Auslegung des Abkommens und dort Positionen bezieht."

Von Eskalation ...

Das hat sie aber nicht. Stattdessen drohte die Situation weiter zu eskalieren, nachdem Frankreich angekündigt hatte, die Fangrechte für französische Fischer mit Klauen und Zähnen zu verteidigen und im Zweifel britische Schiffe festzusetzen, um sie scharfen Zoll- und Sicherheitskontrollen zu unterziehen. Daraufhin kündigte die britische Seite, nicht weniger markig, Vergeltungsmaßnahmen an und bestellte die französische Botschafterin in London zum Rapport ein.

Es sah schon nach einer Art Fischerkrieg im Ärmelkanal aus. Für den britischen Politikberater Graham Gudgin von der Universität Cambridge war diese Entwicklung völlig überzogen. Schuld sei Frankreich: "Es ist für die britische Seite kaum zu verstehen, dass Frankreich daraus eine große Sache macht. Es geht tatsächlich nur um ein paar Dutzend kleine französische Boote, die nun für die britischen Gewässer einfach eine Lizenz brauchen. Die hatten sie nicht, und deshalb durften sie aus meiner Sicht dort auch nicht fischen."

... zu De-Eskalation

Seit einigen Tagen stehen die Zeichen nun aber auf De-Eskalation. Paris hat seine Drohungen nicht wahrgemacht, und auch aus London gab es kein Säbelrasseln mehr. Trotzdem ist es in Brüssel kein Geheimnis, dass dieser Konflikt wirklich eine unmittelbare Brexit-Folge ist. Einerseits, weil es nun um Fanglizenzen in fremden Gewässern geht, andererseits aber auch um die Demonstration der eigenen Macht. Und da haben dem französischen Brexit-Experten Jean-Christophe Gallien von der Pariser Sorbonne zufolge beide Seiten großes Interesse an einem starken Auftritt.

Boris Johnson wolle zeigen, dass er jetzt der Herr im eigenen Hause sei. Und Emmanuel Macron wolle ein Zeichen setzen vor den französischen Präsidentschaftswahlen. "Beide schauen auf ihre eigene Agenda, besonders auch Macron. Bei ihm kommt noch dazu, das Frankreich ab Januar in der EU auch die Ratspräsidentschaft übernehmen wird", sagt Gallien.

Kommen weitere Konflikte hinzu?

Das alles habe die Gemengelage aufgeheizt. Dennoch gibt es auf allen Seiten inzwischen die Einschätzung, dass die erhitzten Gemüter sich beruhigen werden, weil das Ganze einen ernsthaften Konflikt nicht wert sei. Klaus Ubel vom deutschen Fischereiverband betrachtet die Post-Brexit-Fischerei trotzdem mit Sorge. Denn Fangrechte seien seitdem nicht nur im Ärmelkanal umstritten, sondern derzeit etwa auch um das norwegische Spitzbergen. Norwegen als nicht EU-Mitglied nehme sich dort an den Briten offenbar ein schlechtes Beispiel und wolle seine Gewässer für sich. Das könnte dann auch Folgen für die deutsche Fischwirtschaft haben.

"Die Norweger nutzen gerade die Gunst der Stunde, um sich um Spitzbergen Fangrechte nutzbar zu machen, die eigentlich der EU zustehen würden. Dort kann es passieren, dass dann die EU-Fahrzeuge, die dort weiterfischen, von die norwegischen Behörden festgesetzt werden." Beim Fischfang also ziehen die Brexitfolgen derzeit spürbar Kreise - auch dort, wo man sie vielleicht gar nicht erwartet hat.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. November 2021 um 07:44 Uhr.