Bundeskanzlerin Angela Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel umringt vom EU-Ratspräsidenten Charles Michel (l.) und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. | REUTERS

Abschied beim Gipfeltreffen EU ohne Merkel wie "Paris ohne Eiffelturm"

Stand: 22.10.2021 16:10 Uhr

Seit fast 16 Jahren gehört Bundeskanzlerin Merkel zu den wichtigsten Personen der Europäischen Union. Auf ihrem voraussichtlich letzten EU-Gipfel wurde sie nun mit stehendem Applaus verabschiedet. Dabei könnte sie im Dezember noch einmal dabei sein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist bei ihrem wohl letzten EU-Gipfel mit stehendem Applaus verabschiedet worden. Nach einer Dankesrede von Ratspräsident Charles Michel erhoben sich die anderen Staats- und Regierungschefs und applaudierten der mit Abstand dienstältesten Regierungschefin, wie ein EU-Diplomat mitteilte. Michel betonte in seiner Ansprache, ein Gipfel ohne Merkel sei wie "Rom ohne den Vatikan oder Paris ohne den Eiffelturm".

Als Abschiedsgeschenk erhielt Merkel demnach eine "künstlerische Darstellung" des Brüsseler Tagungsgebäudes im Europaviertel. In ihren fast 16 Amtsjahren nahm Merkel an 107 Gipfeln teil, wie Michel den Angaben zufolge vermerkte. In seiner emotionalen Ansprache sagte der Belgier demnach, die EU werde Merkels "Weisheit, Nüchternheit und Vermittlungsgeschick noch vermissen, besonders in schwierigen Zeiten. Du verlässt uns nicht. Dein Geist und deine Erfahrung werden bei uns bleiben", sagte der Ratschef.

Videobotschaft von Obama

Auch der ehemalige US-Präsident Barack Obama würdigte Merkel für ihren "unerbittlichen" moralischen Kompass und die vielen Jahre guter Zusammenarbeit. "So viele Menschen, Mädchen und Jungen, Männer und Frauen, haben ein Vorbild gehabt, zu dem sie in schwierigen Zeiten aufschauen konnten", sagte er in einer Videobotschaft, die von EU-Ratspräsident Michel auf Twitter verbreitet wurde. Das Video wurde auch bei dem EU-Gipfel gezeigt.

Obama sagte zudem, dass es von Charakter zeuge, dass sie gerade vermutlich lieber bei dem EU-Gipfel arbeite, als bei diesem im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. "Ich war glücklich, dein Freund zu werden", so der 60-Jährige, der von 2009 bis 2017 US-Präsident war. Er habe das Privileg gehabt, auf die Partnerschaft zu ihr während einer Reihe von Krisen zurückgreifen zu können.

"Über viele Jahre hinweg kann man sich nur auf wenige politische Führer verlassen, die ihre Prinzipien über jede enge Definition von Eigeninteresse stellen", so Obama. Das deutsche Volk und die ganze Welt schuldeten ihr einen Dank für ihre hohen moralischen Standards.

"Es gibt bereits ein allgemeines Gefühl des Vermissens"

Auch viele Regierungschefs der EU-Mitgliedsländer verabschiedeten Merkel mit warmen Worten. "Sie ist jemand, der 16 Jahre lang Europa wirklich gezeichnet hat. Sie hat uns mit viel Menschlichkeit geholfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, auch in schwierigen Zeiten", sagte der belgische Premier Alexander De Croo. Der neue österreichische Bundeskanzler Alexander Schallenberg nannte Merkel eine "große Europäerin", die "natürlich eine Lücke" in der EU hinterlassen werde.

"Sie hatte großen Einfluss auf die Entwicklung ihres eigenen Landes, aber auch auf die gesamte Europäische Union", sagte der kroatische Premierminister Andrej Plenkovic. "Wir sind gute Freunde. Ich glaube, es gibt bereits ein allgemeines Gefühl des Vermissens." Der Präsident von Litauen, Gitanas Nauseda, würdigte Merkel dafür, dass sie in "kritischen Momenten intervenierte und half, eine Lösung zu finden".

"Ich muss Ihnen sagen, die meisten Leute wissen das nicht, aber Frau Merkel war so eine Kompromissmaschine", sagte der luxemburgische Regierungschef Xavier Bettel. "Also ich werde sie vermissen. Europa wird sie vermissen. Und wir als Luxemburger, als Nachbarn, auch. Es ist eine große Person, die uns verlassen wird."

Kehrt Merkel im Dezember noch einmal zurück?

Nach Angaben von Diplomaten wurde bei der kleinen Abschiedszeremonie auch ein rund zweiminütiges Video mit Gipfelszenen aus den vergangenen 16 Jahren gezeigt. Merkel sei darin auch mit zahlreichen schon lange nicht mehr amtierenden Staats- und Regierungschefs zu sehen, hieß es. So zum Beispiel mit dem 2019 verstorbenen französischen Präsidenten Jacques Chirac und dem früheren britischen Premierminister Tony Blair.

Ganz sicher ist es unterdessen nicht, dass der laufende EU-Gipfel wirklich der letzte mit Merkel ist. Sollte der Zeitplan der Ampel-Koalitionsverhandlungen in Berlin aus dem Ruder laufen, könnte die CDU-Politikerin zum nächsten Treffen Mitte Dezember doch noch einmal nach Brüssel zurückkehren.

Über dieses Thema berichtete am 22. Oktober 2021 die tagesschau um 15:00 Uhr und Deutschlandfunk um 15:00 Uhr in den Nachrichten.