Ein niedergeschlagener Fan auf dem Trafalgar Square in London. | REUTERS
Kommentar

EM-Finale in England Johnsons Polit-Maschine und die Folgen

Stand: 12.07.2021 17:22 Uhr

Die EM hat Kratzer am Image des Mit-Gastgebers England hinterlassen: Hängen geblieben ist bei vielen - zu Unrecht - das Bild eines krawalligen, großspurigen und unsportlichen Landes.

Ein Kommentar von Thomas Spickhofen, ARD-Studio London

67.173 Zuschauer beim EM-Finale im Wembley-Stadion, 15.000 kurz zuvor beim Tennis-Finale in Wimbledon, 140.000 werden kommenden Sonntag beim Formel-1-Rennen in Silverstone erwartet - die britische Regierung kennt im Moment kaum noch Grenzen, wenn es um die Rückkehr zur Normalität vor der Pandemie geht. Unter allen Umständen wollte sie die letzte Turnierwoche der Europameisterschaft in Wembley halten - nicht zuletzt auch deshalb, weil sie sich Hoffnungen auf die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2030 in Großbritannien und Irland macht.

Thomas Spickhofen ARD-Studio London

Ihr Argument, dass die wieder rasant steigende Zahl der Infektionen nicht mehr zu einer ähnlich hohen Zahl schwerer Covid-Erkrankungen führt wie das in den bisherigen Wellen der Fall war, ist dabei plausibel. Nicht plausibel ist dagegen, dass sie alle Vorsichtsmaßnahmen fahren lässt: Theoretisch hätten im Wembley-Stadion 67.173 corona-freie Fans sitzen müssen, denn beim Eintritt mussten sie entweder einen vollständigen Impfschutz nachweisen oder einen aktuellen negativen Corona-Test. Praktisch aber konnte man bei diesem Test kräftig schummeln - niemand konnte letzten Endes sagen, ob der Ticket-Besitzer tatsächlich selbst den Test durchgeführt hat und alle Angaben auf der Online-Rückmeldung richtig sind. Und niemand kann deshalb sagen, wie viele Infizierte sich unter den Zuschauern befanden.

Noch weniger, wie viele Infizierte sich unter den Zehntausenden befanden, die sich auf den Plätzen, vor den Pubs und in den Hallen des Landes erst fröhlich und dann weinend in den Armen lagen. Maskenpflicht und Abstandsregeln waren da eher nur noch vage Ideen. Das zeigt, dass es einfach nicht reicht, an die freiwillige Selbstkontrolle zu appellieren, wie es Premier Boris Johnson vorhat. Leider steht zu befürchten, dass der regulierungsresistente Premier an seinen Plänen trotzdem festhalten wird.

Johnson hat zur schroffen Tonlage beigetragen

Und leider ist die Regierung Johnson auch nicht vollkommen unschuldig an den Pöbeleien, Beschimpfungen und Beleidigungen, die drei dunkelhäutige englische Spieler jetzt im unsozialen Teil der sozialen Medien erleben. Nein, ich würde Johnson und seiner Regierung natürlich nicht aktiven Rassismus unterstellen. Aber Johnsons flamboyante Polit-Maschine hat mit Ausgrenzung, Polarisierung und Halbwahrheiten selbst ein gutes Stück zu der Tonlage beigetragen, die sich da jetzt breit macht.

Johnson und seine Innenministerin Priti Patel, die für einen knallhart restriktiven Einwanderungskurs steht, haben die "Black Lives Matter"-Bewegung in die Ecke linksextremer Spinner gestellt und Verständnis geäußert für die Buhrufe gegen die eigene Nationalmannschaft, als die - in einer Geste gegen Rassismus - vor den Spielen ein paar Sekunden auf die Knie ging. Man hätte sich ein ähnliches Bekenntnis von Johnson und Co. zu den Werten dieser Geste gewünscht - und ein entschlossenes Auftreten gegen das Ausbuhen der gegnerischen Nationalhymne durch englische Fans wie jetzt gegen die Pöbeleien im Internet. 

Ein unvollständiges Bild, das hängenbleibt

Diese Europameisterschaft hat Kratzer hinterlassen am Image des Mit-Gastgeberlandes England. Hängen geblieben ist bei vielen auf dem Kontinent das Bild eines krawalligen, großspurigen und unsportlichen Landes. Dieses Bild ist falsch, weil unvollständig - aber es ist leider eben auch Teil des ganzen Bildes. 

Allerdings sollte man in Deutschland auch nicht den Rückschluss ziehen, dieses Vereinigte Königreich sei ein durch und durch rassistisch verseuchtes Land. Diese Gesellschaft hat über Jahrhunderte eine enorme Integrationsleistung geschafft, mit Millionen von Einwanderern aus allen Staaten des Commonwealth. Viele Sportlerinnen und Sportler beziehen hier eine klare Position wie nur wenige im internationalen Sport überhaupt. Auch daran sollte jeder denken, der jetzt auf dieses Land herabblickt. Uralte Regel: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, sollte daran denken, dass drei Finger auf einen selbst zeigen.

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Juli 2021 um 16:52 Uhr.