Dominic Cummings | dpa

Cummings kritisiert britische Corona-Strategie "Johnson hielt es für Gruselgeschichte"

Stand: 26.05.2021 14:23 Uhr

Der ehemalige Chefberater von Premier Johnson, Cummings, wirft der Regierung vor, das Coronavirus anfangs massiv unterschätzt zu haben. Der Premier habe sich das Virus sogar selbst spritzen lassen wollen. Johnson wies die Vorwürfe zurück.

Der britische Ex-Regierungsberater Dominic Cummings hat die Corona-Politik von Premierminister Boris Johnson als schweres Versagen kritisiert. Minister, Beamte und Berater seien "katastrophal hinter den Standards zurückgeblieben, die die Öffentlichkeit in einer Krise erwarten darf", sagte Cummings vor Parlamentsabgeordneten in London. "Als die Öffentlichkeit uns am meisten gebraucht hat, haben wir versagt." Die Regierung habe zu spät zu Homeoffice-Arbeit aufgerufen und Pubs sowie Sportstätten zu lange offen gelassen. Aus diesem Grund seien unnötig Menschen gestorben.

Cumming beschrieb den Zustand der Regierung Anfang 2020 als chaotisch und nicht einsatzfähig. Minister und ranghohe Beamte seien in den Skiurlaub gefahren, während das Coronavirus sich bereits in Großbritannien ausgebreitet habe, erklärte der Ex-Berater.

"Die neue Schweinegrippe"

Die Regierung habe die Anzeichen der sich ausbreitenden Pandemie nicht erkannt, sagte Cummings, der damals Johnsons wichtigster und einflussreichster Berater war. Johnson habe das Virus zu Beginn der Pandemie völlig unterschätzt. So habe dieser sich mit Corona infizieren lassen wollen, um zu zeigen, dass das Virus nicht gefährlich sei, sagte Cummings.

"Im Februar dachte Boris Johnson, es sei nur eine Gruselgeschichte. Er dachte, das sei die neue Schweinegrippe", berichtete Cummings. Weiter behauptete er, Johnson habe gesagt: "Ich werde (den medizinischen Chefberater) Chris Whitty dazu bringen, mir das Coronavirus live im Fernsehen zu injizieren, damit jeder merkt, dass es nichts ist, vor dem er Angst haben muss."

Umdenken erst Ende Februar

Der eigentliche Plan der Regierung sei es gewesen, eine Herdenimmunität zu erreichen. So habe der damalige oberste Spitzenbeamte Mark Sedwill Mitte März gesagt, Johnson solle die Bevölkerung zu Coronavirus-Partys aufrufen, ähnlich wie Eltern Windpockenpartys für ihre Kinder veranstalten. Das sei offizieller Rat des Gesundheitsministeriums gewesen, behauptete Cummings. Ressortchef Matt Hancock hätte wiederholt gefeuert werden müssen, er habe in vielen Fällen gelogen, etwa über die Beschaffung von Schutzausrüstung. Hancock ist nach wie vor im Amt.

Johnson infizierte sich später unabsichtlich mit dem Virus und musste tagelang auf einer Intensivstation behandelt werden. Erst Ende Februar 2020 sei gesehen worden, dass die Krisenpläne "hohl" seien, sagte Cummings. Er entschuldigte sich bei den Angehörigen der Corona-Toten. "Ich möchte allen Familien derer sagen, die unnötig gestorben sind, wie leid mir die Fehler tun, die gemacht wurden." Auch "meine eigenen Fehler".

"Löwen von Eseln geführt"

Der Ex-Berater äußerte sich vor Mitgliedern zweier Unterhaus-Ausschüsse des britischen Parlaments. Er hatte die Regierung im November 2020 im Streit verlassen. Regierungsmitglieder werfen ihm vor, nun einen Rachefeldzug zu führen. Cummings sprach seinem ehemaligen Chef außerdem die Qualitäten zur Führung einer Regierung ab. Es gebe "Abertausende" Menschen, die kompetenter seien, sagte Cummings.

Schuld sei das System, das Führungspersönlichkeiten wie Johnson oder den früheren Oppositionschef Jeremy Corbyn hervorbringe, sagte Cummings. Er bezog die Kritik ausdrücklich auch auf sich selbst. "Es ist einfach unglaublich, dass jemand wie ich dort gewesen sein sollte, genauso wie es unglaublich ist, das Boris Johnson dort war, und dass Jeremy Corbyn bei der letzten Wahl zur Abstimmung stand." Dabei gebe es unter den Berufsbeamten viele brillante Köpfe, doch zu viele Verantwortliche wie Johnson oder Gesundheitsminister Matt Hancock seien inkompetent. "Das Problem in dieser Krise war, dass immer wieder Löwen von Eseln geführt wurden."

Johnson: Umgang mit Pandemie "entsetzlich schwierig"

Johnson wies im Anschluss an Cummings' Aussage die Vorwürfe zurück und verteidigte seine Corona-Politik. "Wir haben in jeder Phase versucht, den Verlust von Menschenleben zu minimieren", sagte der Regierugnschef. Der Umgang mit der Pandemie sei "entsetzlich schwierig", sagte Johnson. "Keine der Entscheidungen war einfach. Es ist für jedes Land traumatisch, in einen Lockdown zu gehen."

Er übernehme die volle Verantwortung für die Reaktion auf die Pandemie, sagte Johnson. "Es tut mir wirklich leid für das Leid, das die Menschen in diesem Land erlebt haben." Die Regierung habe aber "durchweg mit der Absicht gehandelt, Leben zu retten und den NHS (National Health Service) zu schützen, in Übereinstimmung mit den besten wissenschaftlichen Ratschlägen".

In Großbritannien starben fast 128.000 Menschen an dem Coronavirus, das ist der höchste Wert in ganz Europa. Im Vergleich zu anderen Ländern wurde erst spät ein Lockdown verhängt, der die Wirtschaft in eine tiefe Rezession trieb. Die im Dezember gestartete Impfkampagne hat die Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle deutlich reduziert, aber die Regierung räumt ein, dass sie sich kritischen Fragen nach ihrem Umgang mit der Pandemie stellen muss.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Mai 2021 um 12:32 Uhr.