Alain Berset, Mitglied des Bundesrates der Schweiz, setzt seine Maske auf, während er an einer Pressekonferenz des Bundesrates zur aktuellen Corona-Lage im Land teilnimmt.  | dpa

Schweizer Corona-Maßnahmen "Ein gutschweizerischer Kompromiss"

Stand: 04.12.2021 04:51 Uhr

Ab Sonntag gilt die Schweiz als Hochrisikogebiet. Nach langem Zögern reagiert die Schweizer Regierung jetzt mit neuen landesweiten Maßnahmen. Unter anderem werden die Einreisebedingungen verschärft.

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Genf

Noch vor wenigen Tagen sah der Schweizer Gesundheitsminister Alain Berset "keinen Handlungsbedarf" für eine landesweite Verschärfung der Schutzmaßnahmen - nun macht er die Kehrtwende: "Die Lage ist sehr ernst. Wir müssen den Trend ausbremsen, und das kann nur funktionieren, wenn alle mitmachen."

Kathrin Hondl ARD-Studio Genf

Eine Sieben-Tage-Inzidenz von über 600 und zu mehr als 80 Prozent ausgelastete Intensivstationen zwingen die Regierung in Bern zum Handeln. "Der Druck ist sehr hoch, sehr kritisch", so Berset.

Volksabstimmung gibt Regierung Rückhalt

Nun verordnet sich also auch die liberale Schweiz etwas strengere Corona-Maßnahmen - und zwar im ganzen Land, nicht wie bisher allein in den besonders betroffenen Kantonen. Der Kurswechsel erfolgt vermutlich nicht zufällig nur wenige Tage nach einer heftig umstrittenen Volksabstimmung über das Schweizer Covid-Gesetz.

Die mit 62 Prozent klare Zustimmung der Bevölkerung gab der Regierung in Bern pandemiepolitischen Rückhalt. Die neue Variante Omikron erzeugte zusätzlichen Handlungsdruck.

Die neuen Schritte sind allerdings kein Vergleich zu den Maßnahmen der Nachbarländer: Ein Lockdown ist in der Schweiz momentan weiter tabu, ebenso wie etwa die Einführung allgemeiner 2G-Regeln. Die Schweizer Regierung verschärft lediglich die bereits geltenden 3G-Regeln. Zusätzlich zur "geimpft, genesen, getestet"-Nachweispflicht muss nun in Kinos, Theatern, Museen und bei Veranstaltungen auch eine Maske getragen werden. In Restaurants und Bars darf nur noch im Sitzen gegessen oder getrunken werden.

Drastisch verschärfte Einreisebedingungen

2G - also ein Zugang nur für Geimpfte oder Genese - das ist ein Kompromiss, den die Regierung Clubs oder Diskotheken vorschlägt, denen die neu angeordnete Sitzpflicht beim Essen und Trinken nicht praktikabel erscheint. 2G, so der Gesundheitsminister, sei eine Lösung für Lokale, die dies wünschten. Damit entfalle dann sowohl die Maskenpflicht als auch die Sitzpflicht beim Trinken.

Drastisch verschärft dagegen werden ab diesem Samstag die Einreisebedingungen in die Schweiz. Wer ins Land kommt, egal ob geimpft, genesen oder nicht, braucht einen negativen PCR-Test - und wer länger bleibt, muss sich nach vier bis sieben Tagen nochmals testen lassen - per PCR oder Antigen-Schnelltest, auf eigene Kosten. Ausgenommen sind Einreisende aus den Grenzregionen, so Martin Gerber, der im Schweizer Bundesamt für Gesundheit für rechtliche Fragen zuständig ist.

Tourismusbranche besorgt

Während Kritiker die Wirksamkeit der neu beschlossenen Maßnahmen bezweifeln oder bestenfalls - wie eine Journalistin des Schweizer Rundfunks SRF - von einem "gutschweizerischen Kompromiss" sprechen - sorgt sich die Tourismusbranche um die beginnende Wintersaison. Zumal das deutsche Robert Koch-Institut das Land gerade zum Hochrisikogebiet erklärt hat.

Der Schweizer Hotelverband HotellerieSuisse nannte die Entscheidung "verheerend". Widerstand aus der Wirtschaft und einzelnen Kantonen war es auch, der die Schweizer Regierung dazu veranlasst hat, auf zunächst anvisierte Maßnahmen wie eine allgemeine Homeoffice-Pflicht oder verpflichtendes Testen an Schulen zu verzichten.

Auf die Frage, ob weiterreichende Maßnahmen denn geplant seien, sollte sich die Pandemielage im Land weiter verschlimmern, sagte der Schweizer Gesundheitsminister: Der nächste Schritt sei ziemlich unangenehm, darüber habe man in der Regierung noch nicht gesprochen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. Dezember 2021 um 07:06 Uhr.