Pendler, einige noch mit Mund-Nasen-Schutz, in einem U-Bahn-Zug der Londoner Jubilee Line nach Westminster | dpa

Corona-Regeln in England enden "Es gibt nie den perfekten Zeitpunkt"

Stand: 19.07.2021 09:12 Uhr

In England ist heute "Freedom Day", die Corona-Restriktionen enden. Virologen rechnen mit 100.000 Neuinfektionen pro Tag - oder noch wesentlich mehr. Die Regierung verweist auf die Erfolge beim Impfen.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London 

Es ist die letzte Stufe eines langen Weges: England war Anfang Januar in seinen dritten Lockdown gegangen. Erst zwei Monate später, am 8. März, wurden die Schulen wieder geöffnet. Mitte April durften Geschäfte wieder öffnen, die nicht für die Grundversorgung nötig sind. Danach gab es weitere Lockerungen am 17. Mai, und nun soll das Land - vier Wochen später als ursprünglich geplant - wieder ohne Corona-Vorgaben leben können.

Imke Köhler ARD-Studio London

Gesundheitsminister Sajid Javid hatte das vergangene Woche im Unterhaus so begründet: "Allen, die fragen, warum jetzt, sage ich: ‚Wenn nicht jetzt, wann dann?‘ Es wird niemals den perfekten Zeitpunkt geben, diesen Schritt zu gehen, weil wir dieses Virus nicht auslöschen können. Ob es uns passt oder nicht: Das Corona-Virus verschwindet nicht." 

Die Regierung habe sich die Daten genau angesehen und sei davon überzeugt, dass dies der richtige Zeitpunkt sei, wieder zu mehr Normalität zurückzukehren. Die Regierung verweist auf das erfolgreiche Impfprogramm, das dafür sorgt, dass die Zahl der schweren Covid-Erkrankungen und Todesfälle trotz stark steigender Infektionen verhältnismäßig gering bleibt.

100.000 Neuinfektionen pro Tag?

Der Epidemiologe Neil Ferguson, Mitglied des wissenschaftlichen Krisenberaterstabs, machte in der BBC allerdings deutlich, dass Prognosen schwierig sind: "Es ist fast sicher, dass wir 1000 Krankenhauseinweisungen und 100.000 Neuinfektionen pro Tag haben werden." Die entscheidende Frage sei: Verdoppelt sich das noch oder gehen die Zahlen sogar noch weiter rauf? "Das können wir nicht vorhersagen. Wenn wir 2000 Krankenhauseinweisungen pro Tag bekommen, dann würde das zu erheblichen Problemen führen, zu Verschiebungen von Operationen, und der Rückstau im Gesundheitssystem würde immer größer werden", so Ferguson.

Viele Wissenschaftler und Mediziner sehen die Aufhebung der Restriktionen - das Ende von Mundschutzpflicht und Abstandsregeln - kritisch. Wie es weitergeht, wird auch davon abhängen, wie abrupt die Menschen in England alle Vorsicht fahren lassen. Boris Johnson appelliert an die Vernunft der Bürger, sie sollten in bestimmten Situationen auch weiterhin eine Maske tragen. Ob dieser Appell aber genügt, wenn es keine Verpflichtung mehr gibt, bleibt abzuwarten.

Johnson muss in Quarantäne

Dass die Infektionszahlen steigen, macht sich unterdessen auch im Kabinett bemerkbar. Den sogenannten "Freedom Day" wird Johnson selbst in Quarantäne erleben, ebenso wie Finanzminister Rishi Sunak und Gesundheitsminister Javid. Denn bei allen Änderungen, eines ändert sich nicht: Wer wie Javid positiv getestet wird, muss in Quarantäne, und die Personen, die mit ihm Kontakt hatten, wie Johnson und Sunak, ebenso.

Als sich herausstellte, dass sich Johnson und Sunak nicht isolieren wollten, sorgte das für Empörung: Das sei ja ungeheuerlich, meinte die Chefredakteurin des Boulevardblattes "The Sun", Victoria Newton. Das gehe nach dem Motto: "Macht ihr, was wir sagen, nicht was wir selbst machen."

Großer Unmut über Verhalten Johnsons

Die Reaktion des Labour-Politikers und Schattengesundheitsministers Jon Ashworth war ähnlich:  "Immer wieder: Es gibt eine Regel für die Regierung und eine andere für uns."

Johnson und Sunak, hatte es zunächst geheißen, würden an einem Pilotprojekt teilnehmen, dass ständige Corona-Tests vorsieht, aber den Betreffenden weiterhin erlaubt, zur Arbeit zu gehen. Nun bleiben der Premier und sein Finanzminister in den eigenen vier Wänden.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 19. Juli 2021 um 06:12 Uhr.