Menschen versammeln sich im Hafen von Cherson zur Evakuierung. | IMAGO/ITAR-TASS

Lage in Cherson Zivilisten als Schutzschild?

Stand: 20.10.2022 18:10 Uhr

Ablenkungsmanöver, Schutzschild, Deportation: Für Ukrainer ist die sogenannte Evakuierung von Cherson nur ein Vorwand der Besatzer. In Kiew muss regelmäßig der Strom abgeschaltet werden.

Von Bernd Musch-Borowska, NDR, zzt. Kiew

Seit Russlands Präsident Wladimir Putin das Kriegsrecht über die annektierten Gebiete in der Ukraine verhängt hat, wächst die Sorge um die humanitäre Situation der Bevölkerung in den vier Provinzen. Insbesondere im Raum Cherson, im Süden der Ukraine, versuchen die russischen Besatzer, die Bewohner in entferntere, russisch kontrollierte Gebiete zu bringen. Begründet wird dieser Schritt mit dem Schutz der Bevölkerung vor einer angeblich unmittelbar bevorstehenden ukrainischen Offensive.

"Alles Propaganda", sagt Natalja Humeniuk, die Sprecherin des operativen Kommandos der ukrainischen Streitkräfte im Süden des Landes. "Die Besatzer nutzen die Zivilbevölkerung als Ablenkungsmanöver. Sie haben selbst Angst, weil sie wissen, dass sie unseren Vormarsch nicht aufhalten können und wollen die Zivilbevölkerung mit aufs östliche Ufer des Dnjepr nehmen, um sie als Schutzschild zu nutzen."

Dunkelgrün: Vormarsch der russischen Armee. Schraffiert: von Russland annektierte Gebiete.  | ISW/19.10.2022

Dunkelgrün: Vormarsch der russischen Armee. Schraffiert: Von Russland annektierte Gebiete. Bild: ISW/19.10.2022

"Das gäbe eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes"

Olexij Danilow, der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates, bezeichnete die sogenannte Evakuierung der Bevölkerung als Deportation und forderte eine ernsthafte Reaktion des Westens. "Solche Deportationen gab es 2014 auch auf der Krim und die Welt hat tatenlos zugesehen. Jetzt machen sie das wieder und begründen es damit, dass sie das Leben der Menschen retten wollen. Das ist eine schwierige Situation, denn es besteht kein Zweifel, dass wir das gesamte Territorium zurückerobern werden."

Die Sorge, dass die russischen Truppen das weiter nördlich am Dnjepr gelegene Wasserkraftwerk zerstören könnten - als Ablenkungsmanöver bei einem möglichen Rückzug aus Cherson -, hält Danilow für unbegründet. "Der Staudamm sichert auch die Wasserversorgung der Krim, wenn sie den zerstören, gibt es dort in den kommenden Jahren kein Wasser mehr. Ich glaube nicht, dass sie so verrückt sind und den Staudamm sprengen. Das gäbe eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Ich weiß gar nicht, wie die Welt darauf reagieren sollte oder könnte."

Stromabschaltungen in Kiew

Infolge der gezielten Zerstörung der ukrainischen Energieinfrastruktur durch die russischen Streitkräfte kam es heute zu landesweiten Einschränkungen der Stromversorgung. Die Bevölkerung wurde dazu aufgerufen, den Stromverbrauch auf ein Minimum zu reduzieren. Gestern waren drei Kraftwerke durch russischen Raketenbeschuss zerstört worden. Die Stromkapazität des gesamten Landes ist dadurch erheblich eingeschränkt.

In Kiew wurde den ganzen Tag über in wechselnden Stadtteilen der Strom abgeschaltet, örtlich begrenzt und für jeweils etwa vier Stunden. Auf der Internetseite des Energieversorgungsunternehmens konnten sich die Bewohner der Hauptstadt informieren, wann ihr Stadtviertel an der Reihe war.

Auch der öffentliche Stromverbrauch wurde eingeschränkt, die umweltfreundlichen Elektrobusse wurden aus dem Verkehr gezogen und zum Teil durch ältere Dieselfahrzeuge ersetzt. Sie wisse gar nicht, ob jetzt noch ein Bus komme, klagte eine ältere Dame an einer Bushaltestelle. "Ich werde wohl laufen müssen, aber es ist ja nicht weit - nur ein, zwei Stationen."

Große Nachfrage nach Generatoren und Brennholz

Die Nachfrage nach Stromgeneratoren und Camping-Gaskochern ist inzwischen deutlich gestiegen, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur AP zu sehen war. In einem Baumarkt am Rande von Kiew suchte Richard Rilovych nach einem passenden Stromgenerator. "Ohne Strom tauen die Gefriertruhen ab und auch für Wasserpumpen und alle möglichen anderen Geräte brauche ich verlässlich Strom."

Der Bedarf sei riesig, so die Geschäftsführerin des Baumarktes, Maryna Shelest. "Stromgeneratoren, Ladestationen, Taschenlampen und die Leute kaufen auch jede Menge Brennholz."

Weitere vorübergehende Stromausfälle, auch über den heutigen Tag hinaus, seien nicht ausgeschlossen, hieß es von Seiten der ukrainischen Regierung, wenn die Menschen ihren Stromverbrauch nicht deutlich minimierten. Und mit Beginn des kalten Wetters könne es noch häufiger zu Einschränkungen kommen, erklärte das Energieversorgungsunternehmen UKRENERGO.