Gedenktafel für Terroropfer im U-Bahnhof Molenbeek. | picture alliance / Jochen Tack

Jahrestag der Brüssel-Anschläge Molenbeek kämpft um seinen Ruf

Stand: 22.03.2021 04:14 Uhr

Vor fünf Jahren erschütterten islamistische Anschläge Brüssel. Einige Spuren führten in die Gemeinde Molenbeek - sie galt als "Islamisten-Hochburg" und als Symbol des Scheiterns. Welche Perspektiven gibt es heute?

Von Jakob Mayr, ARD-Studio Brüssel

1080 - wenn diese Zahl in der Bewerbung auftaucht und die Arbeitssuchenden Samira oder Hamid heißen, dann stehen die Erfolgschancen oft schlecht. 1080 - das ist die Postleitzahl der Brüsseler Gemeinde Molenbeek.

Jakob Mayr

Patrick Charlier bestätigt das. Er ist Vorsitzender von Unia, einer belgischen Organisation gegen Diskriminierung. "Das ist leider eine Tatsache. Man sieht, dass manche Arbeitgeber wegen des Wohnortes Kandidaten ablehnen, die aus bestimmten Vierteln kommen. Das muss man bekämpfen."

Sara Oulad zählt zu denen, die in Molenbeek gegen solche Vorurteile angehen. Die junge Frau arbeitet für Molengeek, ein Start-Up im Viertel, das jungen Menschen hilft, selbst Firmen zu gründen, sie bei digitalen Projekten unterstützt und ausbildet. Oulad weiß: "Wenn du ausländisch aussiehst und auch noch aus 1080 kommst, hast du weniger Chancen, genommen zu werden. Diskriminierung bei der Bewerbung - das ist messbar und bewiesen. Das gibt es."

Passagiere und Flughafen-Mitarbeiter werden nach einem Anschlag im Flughafen Brüssel-Zaventem evakuiert.  | dpa

Nach dem Anschlag auf den Brüsseler Flughafen werden im März 2016 Reisende und Mitarbeiter evakuiert. Hier und in der Brüsseler Innenstadt starben 32 Menschen, darunter drei Selbstmordattentäter. Bild: dpa

Eine Chance - in sechs Monaten

Das Startup Molengeek ist in einem schmucklosen Zweckbau untergebracht: Betonfußboden, Glastüren. Die Wände in der Teeküche und in den Klassenzimmern sind mit Graffitis geschmückt. Im zweiten Stock sitzen in einem langgestreckten weißgetünchten Raum 15 junge Frauen und Männer an ihren Laptops, vorne der Dozent. Die digitale Grundausbildung bei Molengeek dauert sechs Monate.

Einige kommen ohne jede Vorkenntnis, sagt Oulad: "Manche können am Anfang nicht mal einen Computer anschalten. Das brauchten sie bisher eben nicht. Und nach einem halben Jahr arbeiten sie als Webdesigner." Wer lernen will und keinen Computer hat, bekommt einen gestellt. Geld kommt von privaten Sponsoren wie Google, Facebook, Samsung oder der belgische Anbieter Proximus.

Die Familie von Loubna Lafquiri betrachtet bei der Eröffnung des Loubna-Lafquiri-Platzes, benannt nach einer Anwohnerin des Stadtteils Molenbeek, die bei dem Terroranschlag am 22.03.2016 starb. | picture alliance / Virginie Lefo

Heute erinnert auch eine Gedenktafel an die Opfer - doch der Ruf Molenbeeks ist weiter problematisch. Bild: picture alliance / Virginie Lefo

Das Startup wächst

Ibrahim Oussari hat das Startup Molengeek 2015 mitgegründet. Damals gab es nur ein kleines Büro, jetzt sind es 25 Klassenzimmer und Versammlungsräume über drei Stockwerke und 32 Angestellte: "Hier geht es nicht um Fortschritte. Die jungen Leute ändern hier ihr Leben. Die kommen her als Maurer oder Klempner und gehen als Webentwickler oder Marketingberater, die für große Digitalfirmen arbeiten."

Beispiele, die Mut machen sollen, denn in Molenbeek hat fast die Hälfte der unter 25-Jährigen keinen Job. Das Viertel liegt nur 20 Gehminuten von Brüssels schmuckem Grand Place entfernt, trotzdem ist es Belgiens zweitärmste Gemeinde.

Eine offene Wunde

Es gibt mehr Einwanderer - vor allem aus Nordafrika - und mehr Muslime in Molenbeek als in anderen Vierteln, darunter einige wenige radikale: Nach den Anschlägen in Paris im November 2015 und vor fünf Jahren in Brüssel galt Molenbeek weltweit als Terror-Hochburg.

Das war damals falsch und ist es noch heute, sagt Bürgermeisterin Catherine Moureaux: "In Molenbeek leben 100.000 Menschen, und eine wenige haben fürchterliche Dinge getan. Danach wurde mit dem Finger auf uns gezeigt und die 100.000 haben gelitten. Die Wunde ist noch offen."

Die Polizei hat nach den Anschlägen hart durchgegriffen: In Molenbeek wurden Wohnungen durchsucht und Tausende Menschen überprüft. Mustafa Chairi vom belgischen Kollektiv gegen Islamfeindlichkeit hält die Maßnahmen für unüberlegt und nicht angemessen: "Anerkannten Organisationen wurden die Konten gesperrt, um drei Uhr früh wurden bei Leuten die Türen eingeschlagen und Razzien durchgeführt, Material wurde beschlagnahmt - ohne konkrete Resultate. Aber der Staat bringt das nicht wieder in Ordnung - weder psychologisch noch finanziell. Das ist bedauerlich."

Die sozialistische Bürgermeisterin Moureaux verfolgt eine Doppelstrategie: mehr Befugnisse für die Polizei, mehr Geld für Bildung: "Nach den Anschlägen in Brüssel hat sich die Gesamtheit der Bevölkerung entschieden gegen den Radikalismus und seine Ideologien gestellt", sagt sie. "Heute zielen die Investitionen vor allem auf die soziale Lage und die Bedeutung von Bildung."

Polizeirazzia bei einem Terrorverdächtigen in der Rue Delaunoy, Molenbeek, in Brüssel, Belgien, am 14. Januar 2017 | picture alliance / ZUMAPRESS.com

In Molenbeek wurden nach den Anschlägen Razzien durchgeführt. Vielen ist die Erinnerung an diese Tage noch heute gegenwärtig. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Stolz auf kleine Fortschritte

Die bisher gegründeten Initiativen in Molenbeek sind allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Oussari, der Mitgründer von Molengeek. Seine Organisation bilde pro Jahr 400 Menschen am Computer aus, dabei gebe es allein in Brüssel jährlich 25.000 Schulabgänger ohne Arbeit: "Man muss unbedingt in Erziehung investieren - und ich gebrauche bewusst das Wort 'investieren'. Denn wenn man die jungen Leute ausbildet, arbeiten sie und zahlen Steuern und geben so dem Staat etwas zurück."

Molengeek hilft dabei, und zwar so erfolgreich, dass mittlerweile Niederlassungen in anderen belgischen Städten sowie in Amsterdam, Rotterdam und Padua gegründet wurden. "Deutschland kommt auch noch", sagt Oussari. Ein Beispiel aus Brüssels berüchtigter Problemgemeinde dient als Vorbild für Europa - darauf sind sie in Molenbeek mächtig stolz. Die Kommunalverwaltung kämpft mit allen verfügbaren Mitteln gegen die Stigmatisierung.

Aber bis zu einem wirklichen Wandel ist es noch weit hin: Armut und fehlende Bildungschancen, die den Nährboden bilden können für Radikalisierung, sind in Molenbeek immer noch weit verbreitet.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 22. März 2021 um 06:45 Uhr im Morgenecho.