Soldaten auf der Suche nah Jürgen Conings | AFP

Rechtsextremer Soldat Belgien fahndet nach Jürgen Conings

Stand: 28.05.2021 17:44 Uhr

In Belgien suchen die Sicherheitskräfte nach einem rechtsextremen Soldaten, der Vertreter des Staates und einen bekannten Virologen bedroht. Der Schwerbewaffnete hat auch Unterstützer.

Von Stephan Ueberbach, ARD-Studio Brüssel

Es ist nach wie vor das Topthema in den belgischen Nachrichten: die Suche nach Jürgen Conings. Seit Dienstag vergangener Woche fehlt von dem abgetauchten Elitesoldaten jede Spur. Hunderte Polizisten und Militärs sind im Einsatz, haben Waldstücke abgeriegelt, Autobahnabschnitte gesperrt, einen Nationalpark durchsucht. Mit Hunden, Hubschraubern, Wärmebildkameras. Gefunden haben sie bisher: nichts.

Stephan Ueberbach ARD-Studio Brüssel

Was den Fall so brisant macht: Conings ist bewaffnet - und ein bekennender Rechtsextremist. "Das ist jemand, der eine Gefahr darstellt für unsere Bürger, für unser Zusammenleben, das ist jemand, der für seine extremistischen Ideologien Gewalt einsetzen will", sagt Belgiens Justizminister Vincent van Quickenborne. "Deshalb muss er so schnell wie möglich aufgespürt werden."

Fahndungsfoto von Jürgen Conings | AP

Conings ist bewaffnet und auf der Flucht. Bild: AP

Drohungen gegen Politiker und Virologen

Die Polizei hat Abschiedsbriefe gefunden, mit Protesten gegen die belgische Corona-Politik und konkreten Drohungen gegen die Regierung und gegen Marc van Ranst, den prominentesten Virologen des Landes, der mit seiner Familie schnell in Sicherheit gebracht wurde. Denn bevor Conings verschwunden ist, deckte er sich in seiner Kaserne mit schweren Waffen ein. Darunter sind vier Panzerabwehrraketen sowie eine Maschinenpistole mitsamt Munition.

Nun fragt sich das ganze Land: Wie kann es sein, dass dieser Mann einen Schlüssel für den Waffenschrank hatte? Schließlich ist der Irak- und Afghanistan-Veteran schon seit einiger Zeit im Visier der Behörden. Der militärische Geheimdienst setzte ihn Anfang des Jahres auf die Terrorliste, als ersten belgischen Soldaten überhaupt - wovon das Verteidigungsministerium aber nicht erfahren haben will. "Das Militär und die Sicherheitsdienste haben viele Fehler gemacht in dieser Affäre", gibt Stabschef Michel Hofman zu, "Fehler was den Informationsfluss betrifft, aber auch die Respektierung von Regeln und das Einhalten von Vorschriften."

Die belgische Verteidigungsministerin Ludivine Dedonder  | AFP

Die belgische Verteidigungsministerin Dedonder weist die Verantwortung für den Fall zurück. Bild: AFP

Skandal für das belgische Militär

Der Fall Conings ist schon längst ein handfester Militärskandal, die politischen Folgen sind längst noch nicht absehbar. Die belgische Verteidigungsministerin Ludivine Dedonder ist erst seit sechs Monaten im Amt und weist jede Verantwortung für die Pannenserie weit von sich: "Ich habe ein Ministerium vorgefunden, das über viele Jahre vernachlässigt worden ist, was das Personal angeht, die Einsatzbereitschaft und die Infrastruktur."

Einen Rücktritt lehnt die wallonische Sozialistin ab, stattdessen will sie die Affäre aufklären und Fehler ihrer Vorgänger korrigieren. Inzwischen sind elf weitere mutmaßlich rechtsextreme Militärs von ihren Aufgaben entbunden worden und haben keinen Zugang zu Waffen mehr. Dass es in der Armee ein grundsätzliches Extremismusproblem gibt, glaubt Michel Hofmann nicht: "Das wäre übertrieben. Ich denke, wir haben bewiesen, dass wir die Sache in den Griff kriegen können. Wir haben die Leute identifiziert, die eventuell einer extremistischen Ideologie folgen. Was in der letzten Woche passiert ist, war eine Verkettung sehr unglücklicher Umstände, die wir nicht antizipiert haben."

Fans gehen für Conings auf die Straße

Was viele Belgier zusätzlich verstört: die öffentliche Rückendeckung für Conings. Seine Fans, eine Mischung aus Corona-Leugnern, Rechtsextremisten und Militärs, organisieren sich im Internet oder bei Mahnwachen. "Wir sind hier", sagt ein Mann, "um Jürgen Conings und seine Familie zu unterstützen." Facebook hat eine Gruppe mit 50.000 Conings-Freunden mittlerweile vom Netz genommen.

Die Suche nach Conings läuft weiter unter Hochdruck. Eine heiße Spur gibt es bisher aber nicht. Ist der Mann womöglich gar nicht mehr am Leben? Nein, sagt Wenke Roggen von der Bundesanwaltschaft. "Wir suchen hier nicht nach einem Toten, sondern nach unserem verschwundenen Militär." Bisher allerdings ohne Erfolg: Conings bleibt bis auf weiteres ein Phantom.