Der Generaldirektor der IAEA, Rafael Grossi, und sein Team bei einer Pressekonferenz am Wiener Flughafen nach der Rückkehr vom ukrainischen AKW Saporischschja. | REUTERS

AKW Saporischschja IAEA-Chef Grossi besorgt über Beschuss

Stand: 02.09.2022 22:26 Uhr

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Grossi, hat mit seinem Team das ukrainische AKW Saporischschja besichtigt. "Wir haben alles gesehen, was ich sehen wollte", sagte er im Anschluss. Sorge bereite ihm der andauernde Beschuss.

Der Chef der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) Rafael Grossi hat nach dem Besuch des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja ein teils positives Fazit gezogen. Zwar seien Schäden durch den Beschuss des Kraftwerks offenkundig und inakzeptabel, aber wichtige Sicherheitselemente wie die Stromversorgung des Kraftwerks funktionierten, sagte Grossi nach der Rückkehr aus der Ukraine am Flughafen Wien.

Auch die Zusammenarbeit zwischen den russischen Besatzern und dem ukrainischen Personal klappe auf professioneller Ebene einigermaßen. Seine größte Sorge bleibe, dass das Atomkraftwerk durch weiteren Beschuss schwer beschädigt werden könnte. Er erwarte eine genaue Analyse der Sicherheit des Kraftwerks durch seine vor Ort verbliebenen Experten im Laufe der nächsten Woche, sagte Grossi.

IAEA bleibe so lange wie nötig

Einige Mitglieder der IAEA-Mission hatten das Kraftwerk am Donnerstagabend bereits wieder verlassen. Noch seien sechs IAEA-Experten beim Atomkraftwerk. Vier würden zurückkehren, zwei bis auf Weiteres vor Ort bleiben. Er habe nicht den Eindruck, dass die russischen Besatzer etwas verborgen haben. "Wir haben alles gesehen, was ich sehen wollte", sagte Grossi. Ein entscheidender Unterschied zu vorher sei auch, dass er nun aus eigenen Quellen erfahre, was vor Ort passiere.

Der IAEA-Chef betonte erneut, dass er die Mission der seiner Behörde als permanent ansehe. "Die IAEA ist da, um so lange wie nötig zu bleiben." Dazu gebe es aktuell die Zustimmung der Ukraine und Russlands. Dass sich die Dinge ändern könnten, sei ihm klar. Am meisten sorge ihn derzeit, dass das Kriegsgeschehen rund um das Kraftwerk an Intensität zunehme, sagte Grossi.

Kreml bewertet Inspektion als positiv

Der Kreml bezeichnete die Inspektion als "sehr positiv". Kremlsprecher Dmitri Peskow lobte vor Journalisten, dass "die Delegation trotz der Schwierigkeiten und Probleme angekommen ist und ihre Arbeit aufgenommen hat". Es sei zwar noch "zu früh" für eine Bewertung, doch das Wichtigste sei, dass die Mission stattfinde, sagte Peskow weiter.

Saporischschja ist das größte Atomkraftwerk in Europa. Es liegt im Süden der Ukraine und ist seit März von russischen Streitkräften besetzt. Betrieben wird das AKW nach wie vor von ukrainischen Technikern. Der Besuch der IAEA-Delegation unter Leitung von Grossi war mit Spannung erwartet worden, nachdem das Gebiet in den vergangenen Wochen immer wieder beschossen worden war und die Angst vor einer Atomkatastrophe wuchs. Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für die Angriffe verantwortlich. 

Greenpeace-Experte kritisiert IAEA

Kritik am Ablauf des Besuchs von Grossi und seinem Team kam von Greenpeace. Der Atomexperte der Umweltschutzorganisation, Heinz Smital, sagte im tagesthemen-Interview, die IAEA stehe Russland sehr nahe, da dort die meisten Atomkraftwerke gebaut würden, die durch die Agentur unterstützt würden. "Die IAEA zieht sich hier sehr auf eine technische Bewertung zurück." Dabei handele es sich um einen "Raub eines Atomkraftwerks", den es so noch nie gegeben habe. Sollte Russland den Strom aus Saporischschja von der Ukraine abziehen und auf die Krim umleiten, komme eine "schwierige Zeit auf die IAEA zu".

Grundsätzlich könne der Besuch zwar zur Deeskalation beitragen, aber der Kampf um das Atomkraftwerk sei noch nicht vorbei, erklärte Smital. "Insofern haben wir noch eine sehr ungewisse Zukunft vor uns."

Erneuter Beschuss in der Region

Auch am Freitag kam es in der Region wieder zu Kampfhandlungen. Die Ukraine beschoss unweit des von Moskaus Truppen besetzten Atomkraftwerks Saporischschja russische Artilleriepositionen. "Bestätigt ist, dass unsere Truppen im Bereich der Ortschaften Cherson und Enerhodar drei Artilleriesysteme des Gegners mit präzisen Schlägen vernichtet haben", hieß es im Bericht des ukrainischen Generalstabs bei Facebook. Ebenfalls seien ein Munitionslager und mindestens eine Kompanie der russischen Armee vernichtet worden.

Den Angaben nach haben die russischen Besatzer vor dem Eintreffen der Expertengruppe der IAEA alle Militärtechnik vom Gelände des AKW entfernt. Diese sei in die benachbarten Orte verlegt worden. Das lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Russland hatte stets behauptet, auf dem Gelände des Kernkraftwerks keine schweren Waffen stationiert zu haben.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/01.09.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/01.09.2022

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu warf der Ukraine vor, das AKW zu beschießen und damit eine nukleare Katastrophe in Europa zu riskieren. Er beschuldigte die Ukraine des "nuklearen Terrorismus". Russland habe keine schweren Waffen auf oder um das Gelände des AKW geschafft, wies Schoigu entsprechende Aussagen der Ukraine und des Westens zurück. "Ich hoffe, dass sich das Team der IAEA davon überzeugt", erklärte Schoigu.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Ukrainischer AKW-Betreiber: "Die Besatzer lügen"

Der ukrainische Betreiber des Kraftwerks Enerhoatom äußerte derweil Zweifel an einer neutralen Begutachtung des Kraftwerks durch die internationale Atomenergiebehörde. Aufgrund des russischen Einflusses sei eine unabhängige Bewertung durch die IAEA schwierig, teilte Enerhoatom mit. Zudem werde der IAEA-Delegation der Zutritt zum Krisenzentrum der Anlage verwehrt, wo sich nach ukrainischen Angaben russische Soldaten aufhalten. "Die Besatzer lügen, verzerren die Fakten und Beweise, die bezeugen, dass sie das Kraftwerk beschießen und die die Konsequenzen der Zerstörung der Infrastruktur zeigen."

Block 5 wieder am Netz

Enerhoatom teilte mit, dass ein nach Beschuss abgeschalteter Reaktor wieder ans Netz gegangen ist. Der Block 5 werde gerade wieder auf volle Leistung gebrach. Wegen Mörserbeschuss war tags zuvor eine Notabschaltung eingeleitet worden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. September 2022 um 21:00 Uhr.