Die elektronenmikroskopische Aufnahme aus dem Jahr 2003, die von den Centers for Disease Control and Prevention zur Verfügung gestellt wurde, zeigt reife, ovale Affenpockenviren (l) und kugelförmige unreife Virionen (r) | dpa

Viruserkrankung WHO ruft zum Handeln gegen Affenpocken auf

Stand: 22.05.2022 13:39 Uhr

Die Weltgesundheitsorganisation rechnet mit einer weiteren Ausbreitung der Affenpocken. Es sei deshalb "dringend notwendig", das Bewusstsein für die Erkrankung zu schärfen. Schutz böten etwa bekannte Corona-Maßnahmen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert eine Reihe von Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung der Affenpocken. Es sei "dringend notwendig", das Bewusstsein für die Virenerkrankung zu erhöhen, hieß es von der UN-Organisation in Genf. Außerdem müssten Fälle umfassend ausfindig gemacht und isoliert werden sowie Ansteckungswege zurückverfolgt werden.

Die Infektionen, die bisher in Europa, Nordamerika und Australien bekannt wurden, betrafen laut WHO hauptsächlich - aber nicht nur - Männer, die gleichgeschlechtlichen Sex hatten. Wegen der noch eingeschränkten Beobachtungslage sei es sehr wahrscheinlich, dass Fälle in weiteren Bevölkerungsgruppen und Ländern auftauchten.

Corona-Maßnahmen wirken auch gegen Affenpocken

Die WHO geht derzeit in den westlichen Ländern von rund 90 bestätigten Infektionen und 30 Verdachtsfällen aus. In Deutschland wurden bislang drei Affenpocken-Fälle zweifelsfrei nachgewiesen - einer in München und zwei in Berlin. Ursprünglich stammt das Virus aus West- und Zentralafrika. Es ruft meist milde Symptome wie Ausschlag, Fieber und Pusteln hervor, kann aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen. In Einzelfällen sind tödliche Erkrankungen möglich. Übertragen wird das Virus vor allem über direkten Kontakt oder Kontakt zu kontaminierten Materialien.

Reisebeschränkungen oder Absagen von Veranstaltungen in betroffenen Ländern sind aus Sicht der WHO derzeit nicht notwendig. Die Organisation wies zwar darauf hin, dass es bei Massenveranstaltungen zu Ansteckungen kommen kann, betonte aber auch, dass Vorsichtsmaßnahmen gegen Covid-19 auch gegen Affenpocken wirken.

Experte sieht kein Pandemie-Risiko

Angesichts der ersten nachgewiesenen Fälle in Deutschland rechnen Experten hierzulande mit weiteren Infektionen. Eine ähnliche Entwicklung wie beim Coronavirus droht nach Einschätzung des Virologen Gerd Sutter von der Ludwig-Maxiliams-Universität München aber nicht. "Eine neue Pandemie haben wir nicht zu befürchten", sagte er "Zeit Online". Affenpockenviren seien andere Erreger als die Auslöser der Menschenpocken. Die Krankheit gehöre zu den Zoonosen, also Krankheiten, die immer wieder vom Tier auf den Menschen übergehen und sich kaum zwischen Menschen übertragen würden.

"Da wir kaum mehr Immunität gegen die klassischen, seit über 40 Jahren in der Natur ausgerotteten Pockenviren haben, breiten sich aber auch die Affenpocken immer mal aus, aber lediglich punktuell. Das machen sie bei Weitem nicht so effizient wie die Grippe oder Sars-CoV-2", so der Pockenvirologe.

Zustand der Patienten in Berlin stabil

Am Samstag hatte die Senatsverwaltung für Gesundheit in Berlin von zwei Fällen der seltenen Infektion in der Hauptstadt berichtet. Es sei noch nicht bekannt, mit welcher der beiden bekannten Virus-Varianten sich die Betroffenen angesteckt haben. Eine entsprechende Genanalyse dazu laufe. Der Zustand der Patienten sei stabil, hieß es.

Am Freitag war bereits ein erster Fall von Affenpocken in München bekannt geworden. Der 26 Jahre alte Mann stammt aus Brasilien und leidet an der westafrikanischen, der milderen der zwei bekannten Virusvarianten. Ihm geht es nach Angaben seines behandelnden Arztes gut. Der Mann war von Portugal über Spanien nach München gereist und hatte sich zuvor in Düsseldorf und Frankfurt am Main aufgehalten.

Infizierte bis zu vier Wochen ansteckend

"Ich bin überzeugt, dass es insgesamt noch weitere Fälle in Deutschland geben wird", sagte Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologischen Klinik des Schwabinger Krankenhauses. Dort ist der Münchner Patient in einem Einzelzimmer mit vorgeschalteter Schleuse untergebracht. Die Klinik ist nach Wendtners Worten eines von sieben Zentren des Ständigen Arbeitskreises der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger (STAKOB) am Robert Koch-Institut (RKI).

"Allgemein geht man davon aus, dass die westafrikanischen Affenpocken eine Sterblichkeit von insgesamt einem Prozent haben, das betrifft vor allem Kinder unter 16 Jahren", sagte Wendtner. "Man muss aber bedenken, dass diese Daten aus Afrika nicht zwingend übertragbar auf das Gesundheitswesen in Europa oder den USA sind, bei uns wäre die Sterblichkeit eher niedriger anzusetzen. Das ist eine Erkrankung, die meines Erachtens nicht das Potenzial hat, die Bevölkerung massiv zu gefährden." Infizierte Patienten seien etwa drei bis vier Wochen ansteckend.

Pockenimpfung schützt gut

Wendtner sagte, Vorsicht sei bei immunsupprimierten Patientengruppen geboten, also solchen mit nur schwachen Abwehrkräften. "Dazu gehören beispielsweise HIV-Patienten ohne ausreichende medikamentöse Krankheitskontrolle, aber zum Beispiel auch Tumorpatienten mit schwerer Immunsuppression etwa nach Stammzelltherapie". Es werde diskutiert, ob man diese Risikogruppen mit einer Impfung schützen sollte. Seit 2013 ist in der EU demnach der Impfstoff Imvanex zugelassen.

"Wir gehen davon aus, dass die ältere Generation, die vor 1980 noch gegen die klassischen Pocken geimpft wurde, einen sehr hohen Schutz auch gegen Affenpocken hat, diese Menschen sind sehr wenig bis gar nicht gefährdet", so Wendtner. Mit dem Medikament Tecovirimat gibt es zudem eine in der EU zugelassene Therapiemöglichkeit für die Affenpocken-Erkrankung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Mai 2022 um 12:00 Uhr.