Norwegisches Bergungsschiff in der Nordsee | Bildquelle: Gudrun Engel

Containerbergung in der Nordsee "So stabil wie Blechdosen"

Stand: 21.01.2019 21:00 Uhr

Nach dem Unglück der "MSC Zoe" liegen noch immer fast 300 Container auf dem Grund der Nordsee, einige von ihnen enthalten giftiges Gefahrengut. Ihre Bergung ist eine äußerst komplizierte Mission.

Von Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel, zzt. Eemshaven

Die Wellen schlagen hart gegen die Bordwände der "Geosund". Das norwegische Bergungsschiff schaukelt, aber nur der große Kran an Deck bewegt sich. Wieder und wieder taucht er einen großen blauen Greifer unter Wasser - auf der Suche nach zerborstenen Schiffscontainern. Das Gerät wirkt groß und grob. Aber die Technik dahinter ist hochmodern und wird von nur einer Person per Joystick gesteuert. Per Sonar tastet die Crew des Bergungsschiffs den Meeresboden ab, auf der Suche nach den vermissten Containern der "MSC Zoe".

Fast 300 Container gingen über Bord

In der Nacht zum 3. Januar hatte eines der größten Containerschiffe der Welt in einem Sturm 291 Container verloren. 18 wurden an den Stränden der friesischen Inseln angeschwemmt. Die meisten aber - oder das, was davon übrig ist - liegen am Meeresboden. Und darin Autos, Kühlschränke, Fernseher, Schuhe, aber auch zwei Gefahrgutcontainer mit giftigen Substanzen. Nichts, was die niederländische Wasseraufsichtsbehörde, Rijkswaterstaat genannt, in der Nordsee oder an der Küste haben möchte.

Und so suchen zwei Bergungsschiffe rund um die Uhr nach der verlorenen Fracht. Immer wenn Wind und Wellen es zulassen, auch bei Eiseskälte und Regen. Die Bergung wird die Reederei Millionen kosten - oder aber deren Versicherung.

Ein zerstörter Container wird von dem norwegischen Rettungsschiff auf ein anderes Schiff zum Abtransport verladen | Bildquelle: Gudrun Engel
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Die "Geosund" (l.) und ein weiteres Schiff suchen nach versunkenen Containern.

Blick vom Schiff der niederländischen Küstenwache auf die Nordsee | Bildquelle: Gudrun Engel
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Unterstützt werden sie dabei von der niederländischen Küstenwache.

Bergung mitten auf der "Autobahn"

18 bis 25 Meter ist die Nordsee an der Stelle tief, an der die meisten Container liegen. Seekarten zeigen: Etwa 40 Seemeilen vor der Küste verläuft hier die Hauptfahrrinne für große Frachter, die Deutschland anlaufen. "Eine Autobahn für Containerschiffe" nennt Sjargo Pas von der Küstenwache die Strecke. Rund 35.000 Schiffsbewegungen zählt seine Behörde vor den friesischen Inseln jedes Jahr.

Am Horizont schiebt sich gerade wieder so ein schwimmendes Hochhaus vorbei. Fassungsvermögen: gigantische 19.000 Container. Zeitgleich befördert die "Geosund" einen völlig zerstörten Container an die Wasseroberfläche. Alle Seiten geborsten. An einer zehnstelligen Zahlen-Buchstaben-Kombination kann das Bergungsteam identifizieren, was darin war und jetzt über den Meeresgrund driftet.

Mittlerweile hat der Greifer der "Geosund" einen völlig zerbeulten Kleinwagen am Haken. Ein koreanisches Modell - die "MSC Zoe" kam aus Asien und war auf dem Weg nach Bremerhaven. Der weiße Lack ist noch makellos, die Reifen treiben auf der Wasseroberfläche und müssen extra abgefischt werden.

Ein Schiff birgt einen Teil eines zerstörten Containers aus der Nordsee | Bildquelle: Gudrun Engel
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Oft sind die Container durch das Wasser und die Strömung stark beschädigt, wenn sie aus dem Meer gezogen werden.

50 Container spurlos verschwunden

Es ist der bislang größte Bergungseinsatz der Geschichte der Nordsee. "Wenn es bei starkem Sturm zu einem solchen Unglück kommt, verliert ein Schiff in der Regel nur um die acht Container", erklärt Michiel Vissen von der Wasseraufsichtsbehörde. 30 war der bisherige traurige Rekord. Doch bei der "MSC Zoe" waren es deutlich mehr. Etwa 220 Container konnten bislang lokalisiert werden. Von etwa 50 Containern fehlt aber jede Spur - darunter zwei mit Gefahrgut.

Sie am Stück zu finden, die Hoffnung hat Vissen aufgegeben. "Die Container prallen aus großer Höhe auf die Wellen - da sind sie so stabil wie eine Blechdose, die Sie fallen lassen." Die Experten gehen davon aus, dass sich die Giftstoffe im Wasser stark verdünnen und verflüchtigen. Das ganze Ausmaß des Unglücks lässt sich noch lange nicht abschließend beurteilen. Auf der "Geosund" wird die Crew vermutlich noch mehrere Monate rund um die Uhr im Einsatz sein. Wenn immer das Wetter es zulässt.

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