Menschen mit Großbritannien-Flaggen gehen auf das britische Parlament in London zu.

London nach dem Brexit-Votum Ein ganzes Land schüttelt sich

Stand: 27.06.2016 03:20 Uhr

Ein Premierminister auf Abruf, ein Oppositionschef, dem die Gefolgsleute davonlaufen: Das Brexit-Votum hat die politischen Gräben in Großbritannien vertieft. Nun werden Rufe laut nach Persönlichkeiten, die das Land einen - statt es weiter zu spalten.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Premierminister David Cameron hat für den Vormittag sein Kabinett einberufen, um über das weitere Vorgehen nach dem Brexit-Votum zu beraten. Nach Camerons Rücktrittsankündigung muss bis zum Parteitag der Konservativen im Oktober ein neuer Regierungschef gefunden sein.

Gabi Biesinger ARD-Studio Washington

Als heiße Kandidatin neben Brexit-Befürworter und Kampagnenführer Boris Johnson wird inzwischen Brexit-Gegnerin und Innenministerin Theresa May gehandelt. Viele Tory-Abgeordnete fordern, die neue Persönlichkeit an der Partei- und Regierungsspitze müsse nach der Spaltung der Partei und des britischen Volkes integrativ sein und nicht notwendigerweise für den Brexit.

Bei den Konservativen wächst der Widerstand gegen den Brexit-Befürworter Boris Johnson.

Bei den Konservativen wächst der Widerstand gegen den Brexit-Befürworter Johnson.

Britische Innenministerin Theresa May

Für viele Konservative kommt sie stattdessen als Cameron-Nachfolgerin infrage: Innenministerin May.

Labourchef - zu lasche Anti-Brexit-Kampagne?

Ein Führungsproblem hat auch die Labourparty. Reporter belagerten gestern das Haus von Parteichef Jeremy Corbyn und lauerten auf dessen Rücktritt. Am Sonntag waren zahlreiche Mitglieder von Corbyns Schattenkabinett zurückgetreten. Sie halten dem Parteichef eine lustlose Kampagne gegen den Brexit vor.

Am Dienstag will die Labourfraktion in geheimer Wahl darüber abstimmen, ob Corbyn noch ihr Vertrauen hat. Doch selbst wenn die Fraktion Corbyn für untragbar hielte, könnte er bleiben, wenn er nicht freiwillig geht. Der Alt-Linke Corbyn war im vergangenen September von einer deutlichen Mehrheit der Labourmitglieder ins Amt gewählt worden.

Doch Corbyn würde bei Neuwahlen, die jetzt schneller als erwartet kommen könnten, nicht die breite Wählerschicht der politischen Mitte ansprechen. Mit einem anderen Kandidaten hätte Labour sogar Chancen zu gewinnen, meint Labour-Berater Lance Price: "Ich glaube fest, dass Labour unter einer anderen Führung in der Lage wäre, die Wahlen für sich zu entscheiden."

Labour-Chef Corbyn

Labour-Chef Corbyn steht parteiintern massiv unter Druck.

Camerons schwerer Gang nach Brüssel

Bevor Premierminister Cameron am Dienstag in Brüssel erstmals nach dem Brexit-Votum den 27 anderen EU-Regierungschefs unter die Augen tritt, wird US-Außenminister John Kerry in London seinen Amtskollegen Philip Hammond treffen. Dem ist klar, dass die Briten der EU nicht alles werden abringen können: "Es ist nicht durchsetzbar, die Zuwanderung aus der EU zu kontrollieren und gleichzeitig weiter vollwertiges Mitglied im Binnenmarkt zu sein", so Hammond.

Cameron hatte klargestellt, dass er beim Brüsseler Gipfel das Austrittsverfahren noch nicht offiziell in Gang setzen wird, sondern das seinem Nachfolger überlässt. Damit gewinnt Großbritannien Zeit, sich nach dem Brexit-Schock zu sortieren - innenpolitisch und was die Verhandlungsstrategie in Brüssel angeht.

Jugend hofft

Andernorts sprießt derweil die vage Hoffnung, den Brexit doch noch irgendwie zu stoppen. Gestern Abend ging das Musikfestival in Glastonbury zu Ende. Dort waren viele junge Besucher frustriert über das Ergebnis, wie Studentin Sarah: "Traurig, dass wir aussteigen. In der EU waren wir alle verbunden."

Aber in der überwiegend pro Europa eingestellten Altersgruppe der unter 24-Jährigen hatte auch nur ein Drittel überhaupt gewählt. Auf der Bühne kommentierten Künstler von Adele bis Jarvis Cocker das Ergebnis.

Blur-Frontman Damon Albarn rief unter dem Jubel der Musikfans, sein Herz sei schwer: "Die Demokratie hat versagt. Weil sie sich schlecht informiert hatte. Ihr müsst wissen, wir alle können die Entscheidung rückgängig machen, wenn wir jetzt nach Hause gehen. Das ist möglich."   

Die Hoffnung stirbt zuletzt in diesen aufwühlenden Tagen auf den britischen Inseln.

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KOMMENTARE

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dr.bashir 27.06.2016 • 08:57 Uhr

Nicht jammern

Ein großes Wehklagen auf allen Seiten. Weder die Sieger noch die Verlierer scheinen wirklich glücklich mit dem Ergebnis zu sein. Zu den Verlierern - so ist Demokratie. Gerade bei einfachen ja/nein-Entscheidungen muss man das Ergebnis akzeptieren. Es ist kein Kompromiss möglich. Und ja, die Meinung der Verlierer geht nach der Wahl unter, sie müssen sich fügen, egal ob es 49% sind oder weniger. Knapp verloren ist auch verloren. Zu den Siegern - jetzt macht was draus. Zeigt der Welt, dass ihr Recht hattet, dass GB es ohne die EU besser hin bekommt. Ich glaube das zwar nicht, mir wäre es lieber, GB bliebe in der EU und wir alle würden wieder mehr über die Vorteile der EU reden, anstatt uns über Gurken, Glühbirnen und Staubsauger aufzuregen. Wie damals beim "Veggie-Day" schaffen es die Wähler, sich an Nebenkriegsschauplätzen abzuarbeiten und dafür die wichtigen Themen aus den Augen zu verlieren. Eine Gurken-EU ist besser als keine EU.