Kafil Kashar, Flüchtling in Bosnien | Bildquelle: BR/Srdjan Govedarica

Flüchtlinge in Bosnien In Plastikzelten durch den Winter

Stand: 14.12.2020 05:30 Uhr

Im Flüchtlingslager Lipa in Bosnien überwintern Hunderte Flüchtlinge, teilweise nur in Plastikzelten. Die Internationale Organisation für Migration hat der Regierung in Sarajevo nun ein Ultimatum gestellt.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

"Nein, nein - ihr seid unsere Gäste" - Kafil Kashar besteht darauf, uns einen Tee auszugeben. Und auch der Mann hinter dem Tresen der improvisierten Teestube vor dem Haupteingang zum Flüchtlingscamp Lipa winkt ab, als wir bezahlen wollen. Kashar ist 49 Jahre alt und stammt aus Kaschmir. Er ist schon seit 17 Monaten in Bosnien und Herzegowina und versucht, einen Schengenstaat zu erreichen. Bereits 15 Mal hat er es über die Grenze nach Kroatien geschafft, einmal sogar bis nach Slowenien. Jedes Mal sei er nach Bosnien zurückgeschickt, zweimal dabei geschlagen worden, erzählt er.

Wir stehen mit Kashar schon seit über einem Jahr in Kontakt und treffen uns heute am Zaun, denn Journalisten dürfen Lipa nicht betreten. Kashar schützt sich vor der Kälte mit einem Schal, den er sich um den Kopf gebunden hat und erinnert an einen Schiffbrüchigen. "Wie du siehst, sind die Zelte aus Plastik", sagt er und zeigt auf ein großes weißes Zelt, das er sich mit rund 500 Männern teilt. Die Spitze ragt hinter dem Zaun aus dem dichten Dezembernebel heraus. "Und Plastik kann das Gewicht des Schnees nicht halten. Deshalb können wir uns nicht vorstellen, dass wir in der Winter- und Schneesaison hier leben können."

Ort für Flüchtlingslager ungeeignet

Etwa 25 Kilometer außerhalb der nordwestbosnischen Stadt Bihac in der Einöde gelegen, ist das Flüchtlingscamp Lipa im Frühjahr dieses Jahres in Betrieb gegangen. Aktuell ist es mit etwa 1400 Menschen überbelegt. Vorausgegangen war ein langes politisches Hin und Her um die Frage, wo Flüchtlinge und Migranten in Bosnien und Herzegowina untergebracht werden sollen. Am Ende setzte sich die Regierung des Una-Sana-Kantons im Nordwesten des Landes durch, die eine restriktive Politik verfolgt und Flüchtlinge und Migranten nicht in Städten unterbringen will.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) betreibt in ganz Bosnien und Herzegowina Flüchtlingsunterkünfte. Mit dem Standort Lipa war die IOM schon im Frühjahr nicht glücklich. Denn rund um das Lager gibt es keinerlei Infrastruktur. Es ist weder an das Wasser- noch an das Stromnetz angeschlossen und kann nur über einen Feldweg erreicht werden, der mittlerweile einer Schlammpiste gleicht. Lipa sei bestenfalls als Sommercamp nutzbar, sagt IOM Mitarbeiterin Natasa Zunic Omerovic, jetzt nach dem Kälteeinbruch sei es praktisch kollabiert: "Wir erwarten irgendeine Lösung, damit die Menschen aus Lipa und auch die Menschen, die keine Unterkünfte haben, hier im Una-Sana-Kanton menschenwürdige Unterkünfte bekommen und normal leben können."

Behausung von Flüchtlingen in Bosnien | Bildquelle: BR/Srdjan Govedarica
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Nahe der Stadt Velika Kladusa haben sich 40 Bangladescher notdürftige Unterkünfte im Wald gebaut.

Ausharren im Wald

60 Kilometer nördlich von Lipa liegt die Stadt Velika Kladusa. In einem Wald am Stadtrand hausen etwa 40 Männer aus Bangladesch. Sie haben sich mit Plastikplanen so etwas wie Zelte gebaut und wärmen sich an kleinen Feuerstellen. Sie waschen sich an einem nahegelegenen Bach, dessen Wasser sie auch trinken. Im Wald stinkt es erbärmlich nach Müll und Exkrementen, bei jedem Schritt muss man aufpassen, dass man auf dem matschigen Waldboden nicht ausrutscht. Ein junger Bangladescher erzählt fast schon beiläufig, dass er sich vor zwei Monaten bis nach Österreich durchgeschlagen hat: "Die österreichische Polizei hat gesagt, dass es für mich kein Asyl gibt. Dann ging es zurück zur slowenischen Polizei, dann nach Kroatien und nach Bosnien."

Anfang Dezember waren hier im Wald noch etwa 400 Menschen. Doch die meisten haben die Gegend bereits verlassen. Ohne gültige Papiere sind sie entweder ins EU-Land Kroatien gelangt oder zurück nach Sarajevo oder sogar nach Serbien gegangen, um dort in Unterkünften zu überwintern. Geblieben sind vor allem diejenigen, die nirgendwo hinkönnen, etwa weil ihnen das Geld ausgegangen ist. Sie schlafen im Wald oder in baufälligen und verlassenen Gebäuden. In das offizielle Flüchtlingscamp Miral werden die Menschen nicht hineingelassen, denn dort gibt es keinen Platz mehr.

Flüchtlinge in Bosnien | Bildquelle: BR/Srdjan Govedarica
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Teilweise haben die Flüchtlinge in Bosnien nicht einmal richtiges Schuhwerk.

NGO versorgt Flüchtlinge

Versorgt werden sie vor allem von Freiwilligen. Etwa von der österreichischen Nichtregierungsorganisation "SOS Balkanroute". Die jungen Aktivisten verteilen Essen, Kleidung und Schuhe an die Menschen. "Es tut gut zu sehen, dass man hier auch was tun kann", sagt der 23-jährige Aktivist Simon. "Heute morgen haben wir beim Einkaufen auch wieder locker fünf bis zehn Leute gesehen, die keine Schuhe, sondern nur Schlappen anhatten. Und es ist gerade knapp über Null Grad. Und wenn wir dann Schuhe, Socken und Pullis an sie verteilen können, dann ist das schon eine Arbeit, die Sinn ergibt und auch erfüllend ist."

Simon möchte seinen Nachnamen lieber nicht veröffentlichen und auch die Arbeit der NGO wirkt geradezu konspirativ. Die Aktivisten verabreden sich mit Flüchtlingen und Migranten über Facebook - meist im Dunkeln und an verschiedenen Orten. Denn private Hilfe für Flüchtlinge und Migranten wird von den lokalen Behörden gar nicht gerne gesehen. Aus Angst vor Übergriffen durch lokale fremdenfeindliche Gruppen halten die Helfer von "SOS-Balkanroute" auch geheim, wo genau sich ihre Küche und ihr Lager befinden.

Flüchtlingshelfer in Bosnien | Bildquelle: BR/Srdjan Govedarica
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Freiwillige der österreichischen NGO "SOS Balkanroute" versorgen Migranten und Flüchtlinge mit Essen, Kleidung und Schuhen.

IOM stellt Ultimatum

Im Flüchtlingscamp Lipa gibt es zurzeit nur ein Thema - denn die IOM hat der Zentralregierung ein Ultimatum gestellt. Am kommenden Mittwoch tagt der Ministerrat und hat das Thema auf der Agenda. Sollte keine Lösung für das Camp gefunden werden, wird die IOM es aufgeben. Das hat IOM-Regionalkoordinator Peter Van der Auweraert in bosnischen Medien angekündigt. Und das sei keinesfalls ein Bluff, betont die Mitarbeiterin Natasa Zunic Omerovic am Tor zum Camp Lipa: "Am 16. Dezember werden wir alle nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Die Menschen werden dann obdachlos sein und die Hilfen nicht bekommen, die zu ihren Menschenrechten gehören."

Auch Kafil Kashar weiß, was am kommenden Mittwoch auf dem Spiel steht und er scheint sich mit der Situation abgefunden gefunden. Er würde freiwillig auch anderswo hingehen, sei der Ort auch weit von der EU-Grenze entfernt, die er eigentlich überqueren möchte. Hauptsache warm und sicher. "Wenn wir überleben, können wir es irgendwann wieder versuchen. Wenn wir hier im Schnee sterben, dann nicht."

Flüchtlinge in Bosnien - 1400 Menschen bald auf der Straße?
Srdjan Govedarica, ARD Wien
14.12.2020 07:03 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. Dezember 2020 um 08:30 Uhr.

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