Leuchtanzeige an einem Wechselbüro in Istanbul | EPA

Verfall der türkischen Lira "Unser Land läuft Gefahr, im Chaos zu versinken"

Stand: 24.11.2021 13:56 Uhr

Die Lira fällt und fällt. In mehreren türkischen Städten gab es Proteste gegen die Regierung von Präsident Erdogan. Die Menschen fordern ein Ende des Währungsverfalls - und vorgezogene Wahlen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Vor den Istanbuler Wechselstuben, die es an jeder Ecke gibt, sind lange Schlangen zu sehen. Ausländerinnen und Ausländer freuen sich über den super Wechselkurs. Für einen US-Dollar rund 13 Lira, für einen Euro rund 14 Lira - vor Kurzem waren es noch zehn Lira. Bei Türkinnen und Türken bricht am Abend dagegen der Frust durch: "Hükümet Istifa!", rufen sie: Regierung, tritt zurück!

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Landesweite Proteste

Die Menschen sind auf den Straßen in mehreren Städten der Türkei: in Ankara, Istanbul, Izmir, aber etwa auch in Sanliurfa im Südosten. Das zeigen Twitter-Videos. Nach türkischen Medienberichten sind in Istanbul und Ankara auch Studentinnen und Studenten von Eliteunis unter den Demonstrierenden.

Teils geht die Polizei gegen sie vor. Im Zentrum von Istanbul stehen Absperrgitter auf dem Taksim-Platz parat - hier hatte es 2013 die letzten großen Proteste gegen Erdogans Regierung gegeben. In Kocaeli bei Istanbul soll ein Journalist eines regierungskritischen Nachrichtenportals festgenommen worden sein.

Inflation von 20 Prozent - oder sogar mehr

Sedat, Kellner aus Istanbul, steht hinter den Protesten. "Warum nicht? Das Volk muss sich ja mal ausdrücken. Es ist ja schließlich nichts Verwerfliches, zu protestieren", sagt er. Aber selbst teilnehmen, das sei schwierig. "Ich habe Frau und Kinder zu Hause. Lieber nicht."

Viele in der Türkei bekommen den Mindestlohn von etwa 2800 Lira im Monat. Anfang des Jahres waren das noch mehr als 300 Euro, jetzt sind es keine 200 mehr. Dazu kommt eine Inflation von zuletzt offiziell knapp 20 Prozent. Kritische Experten gehen von deutlich mehr aus.

Essen, Kleidung, Strom - alles wieder teurer

Die Hausfrau Deniz kommt gerade aus dem Discounter. Sie wirkt erschöpft, müde. Es wird immer schwerer mit den steigenden Preisen klarzukommen, sagt sie. "Von der Küche, also den Lebensmitteln, bis hin zu den Heizkosten, Stromrechnungen und dem, was die Kinder brauchen - etwa für die Schule oder Kleidung. Ich habe gerade ganze 30 Lira bezahlt für das bisschen hier. Interessant, nicht wahr. Für ein Brot, sechs Eier und maximal eineinhalb Kilo Kartoffeln." Sie zeigt auf eine kleine Plastiktüte.

Trotzdem ist der offene Protest auf der Straße für die 49-Jährige nur bedingt eine Option: "Ehrlich gesagt, ich würde schon auch gern mitmachen. Aber unser Land läuft Gefahr, im Chaos zu versinken", sagt sie. Das wolle sie nicht. "Deswegen protestiere ich nur gedanklich und warte geduldig ab bis zur nächsten Wahl, um dann an der Wahlurne demokratisch meinen Protest auszudrücken."

Ex-Ministerpräsident fordert Neuwahlen

Auch Ahmet Davutoglu, der frühere Ministerpräsident und AKP-Parteikollege von Präsident Recep Tayyip Erdogan, rät von Demonstrationen ab. Er twittert: Wahlen sofort. Davutoglu ist vor längerem ins oppositionelle Lager gewechselt, wie auch Ali Babacan.

Babacan war ebenfalls Mitglied in der Regierungspartei AKP und hat jetzt eine eigene Partei gegründet. Er schreibt auf Twitter an Erdogans Adresse gerichtet: Hör auf, jetzt!

Erdogan will erst wieder 2023 wählen lassen

Vorgezogene Wahlen kommen für Erdogan allerdings nicht in Frage. Das machte er unlängst noch mal klar: "Sie sprechen von vorgezogenen Wahlen, im Juni 2023 sind die Wahlen. Das war einmal, dass alle 15 bis 20 Monate Wahlen abgehalten wurden. Wir sind doch keine Bananenrepublik."

2018 hatte Erdogan selbst die Wahlen um knapp anderthalb Jahre vorgezogen.

"Es muss sich an der Lage etwas ändern"

Auf Twitter schreiben Regierungsanhänger unter dem Hashtag "Wir stehen zu unserem Staat", die Gegenseite unter "Regierung tritt zurück und Wahlen sofort". Dahinter steht auch der Tagelöhner Ali. "Ja, es soll vorgezogene Wahlen geben. Ich bin auf alle Fälle dafür", sagt er. "Und zwar so bald wie möglich. Es muss sich an der Lage etwas ändern. Wahlen sofort - nicht erst in eineinhalb Jahren."

Vorgezogene Wahlen oder nicht - das spielt für den Istanbuler Ladenbesitzer Ekrem keine Rolle. Für ihn ist nur klar: Der Fehler liegt im System, im Präsidialsystem, das Erdogan 2018 eingeführt hat. "Eine einzelne Person kann unmöglich alles wissen. Aber wenn alle Macht in den Händen einer einzigen Person liegt, kann es nicht gut gehen", sagt er.

Ali nennt Erdogan nicht beim Namen, trotzdem ist es auf offener Straße eine selten deutliche Kritik. Viele trauen sich in diesen Tagen nichts mehr öffentlich zu sagen. Die, die demonstrieren, riskieren einiges.

In der Nacht soll der Spritpreis wieder mal angehoben werden. Es sind weitere Proteste angekündigt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. November 2021 um 13:25 Uhr.