Die Skyline von Taipeh. | AFP

Reaktion in Taiwan auf Manöver "Noch hat China ja nicht angegriffen"

Stand: 04.08.2022 15:16 Uhr

Die Menschen in Taiwan reagieren gelassen auf den Start des chinesischen Militärmanövers. Man fürchtet nicht unbedingt eine Eskalation des Konflikts - Sorge bereiten eher mögliche wirtschaftliche Folgen.

Von Klaus Bardenhagen für das ARD-Studio Tokio

Am Tag nach Nancy Pelosis Abreise läuft das Leben in Taipeh völlig normal weiter. Nichts deutet darauf hin, dass die Hauptstadt zwei Tage lang im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit stand. Das Interesse von Medien und Militär hat sich verlagert. Es liegt jetzt auf weiten Meeresgebieten Richtung Osten im Pazifik und Richtung Westen in der Straße von Taiwan, wo China seit heute Militärübungen durchführt. Die ursprünglich sechs, mittlerweile sieben ausgewiesenen Zonen liegen an einigen Stellen gerade noch in Sichtweite von Taiwans Küsten.

Wie reagieren die Touristen?

Wenn jemand einen Logenplatz auf das Geschehen hat, dann ist es John Eastwood. Der amerikanische Anwalt, der seit langem in der Taipeh lebt, macht mit seiner Familie seit Sonntag Urlaub auf der kleinen Insel Liuqiu. 13 Kilometer vor Taiwans Südwestküste gelegen, gilt sie als Ausflugsziel, wo eigentlich nichts Aufregendes passiert. Doch in der anderen Richtung liegt das tropische Korallen-Eiland weniger als zehn Kilometer von einer chinesischen Manöverzone entfernt - so nah wie kein anderer bewohnter Ort, der zu Taiwan gehört.

"Von meinem Hotelbalkon aus kann ich gerade zehn Schiffe am Horizont sehen", zählt Eastwood im Gespräch mit tagesschau.de nach. "Vorhin waren es 13, sie sind gegen Mittag aufgekreuzt." Ihren genauen Typ könne er nicht ausmachen. Weil sie still lägen und mit dem Bug gen Westen zeigten, Richtung China, gehe er davon aus, dass hier Taiwans Marine oder Küstenwache die Grenze der Territorialgewässer bewacht.

Die Stimmung auf der Insel mit mehr als 10.000 Bewohnern sei ruhig, erzählt Eastwood. Keine geschlossenen Betriebe, keine plötzlich aufgetauchten Soldaten. "Wenn man die Leute fragt, lachen sie und sagen, noch hat China ja nicht angegriffen." Seinem Eindruck nach überwiege die Sorge vor Auswirkungen auf den Tourismus.

Territorialgewässer - interessiert das China?

Sollten tatsächlich chinesische Schiffe oder Flugzeuge direkt vor Liuqiu aufkreuzen oder Geschosse dorthin feuern, dann wäre das eine Verletzung von Taiwans Territorialgewässern. 22 Kilometer erstrecken diese sich laut UN-Konvention von der Küste eines Landes. Militärische Operationen anderer Staaten sind dort absolut tabu. Das gilt auch für den Luftraum. Die Volksrepublik würde wohl darauf verweisen, das alles spiele keine Rolle, denn sie spricht Taiwan jede Souveränität ab.

Da sich Chinas Schiffe und Flugzeuge in den vergangenen Jahrzehnten aber niemals Taiwan so dicht angenähert hatten, wäre so eine Verletzung im Zuge der Militärübungen eine echte Eskalation, die den Konflikt auf ein neues Niveau bringen könnte - denn Taiwan müsste reagieren, und das Risiko von Zwischenfällen würde steigen.

Sicher ist, dass durch die Manöver internationale Flüge, die Taiwan anfliegen oder dort starten, derzeit verschlungene Umwege nehmen, um den Manöverzonen auszuweichen. Auch die Logistikbranche und damit Lieferketten könnten betroffen sein, denn Kaohsiung - in der Nähe von Liuqiu - ist ein bedeutender Containerhafen für den Export aus Taiwan.

"Sowohl Gefahr als auch Chance"

Obwohl Taiwan also bereits einen Preis für den Besuch Pelosis zahlt, gibt es noch keinen spürbaren Stimmungsumschwung. Alle im Parlament vertretenen Parteien hatten sich erfreut gezeigt, und kein namhafter Politiker machte bislang abweichende Statements. "Die sogenannte Krise ist sowohl eine Gefahr als auch eine Chance", schrieb der Abgeordnete Lo Chih-cheng von der Regierungspartei DPP auf Facebook

Er sitzt im Ausschuss für Auswärtiges und Verteidigung und hatte am Vortag Pelosi persönlich getroffen. "Die große Aufmerksamkeit der internationalen Medien zeigt die Bedeutung Taiwans im Indopazifik. Wenn Taiwan bedachtsam auf die Herausforderungen reagiert und die historische Gelegenheit ergreift, kann es aus der Krise einen Wendepunkt machen."

Auch Anwalt Eastwood wirft Pelosi ihren Besuch den chinesischen Warnungen zum Trotz nicht vor. Er habe sie durch sein Engagement in der Demokratischen Partei über die Jahre mehrfach getroffen und halte sie trotz ihrer 82 Jahre für extrem scharfsinnig. "Sie sollte selbst entscheiden können, wohin sie fährt, und sich ein Bild zu machen - vor allem, wenn die USA eines Tages aufgerufen sein könnten, Taiwan zu helfen."

Wie viele Beobachter glaubt auch er, dass die aktuellen Manöver eine Probe für eine mögliche Blockade sein könnten, mit der China irgendwann versuchen könnte, Taiwan ohne Invasion in die Knie zu zwingen. Chinas Flug- und Schiffsbewegungen der letzten Jahre seien eindeutig darauf ausgerichtet gewesen, rund um Taiwan herum operieren zu können.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. August 2022 um 07:42 Uhr.