Ein Hilfskonvoi aus Fahrzeugen von UN-Kräften, Rotem Kreuz und Rotem Halbmond. | REUTERS

Türkisch-syrische Grenze Letztes Nadelöhr für Hilfslieferungen

Stand: 10.06.2021 04:32 Uhr

Über einen einzigen Grenzposten erhalten Millionen Flüchtlinge in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens Hilfslieferungen. Das UN-Mandat, das die Öffnung regelt, läuft aus. Die Verlängerung ist ungewiss. Und dann?

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Muhana Ismael fürchtet um das Leben seiner drei Kinder. Die Familie floh vor zwei Jahren aus ihrem Heimatdorf Al Teh vor den Bomben syrischer und russischer Kampfjets, wie er erzählt. Sie strandeten in einem improvisierten Camp in der Nähe zur türkischen Grenze. Es ist ein tristes Leben ohne Arbeit, Geld und Perspektiven.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Der 47-jährige Familienvater und seine fünf Kinder können nur dank der Hilfslieferungen der Vereinten Nationen überleben. Die aber könnten bald versiegen. "Meine Kinder werden Hunger leiden", sagt er. "Wir werden hier in der gesamten Region eine Hungersnot erleben."

Nadelöhr zwischen Idlib und der Außenwelt

Etwa drei Millionen Menschen in der syrischen Provinz Idlib sind auf Lebensmittelpakete, Medikamente, Zelte oder Decken der Vereinten Nationen angewiesen. Mehr als 1000 Lastwagen bringen sie jeden Monat über den Grenzübergang Bab al-Hawa aus der Türkei in die Rebellenhochburg. Es ist das einzige Nadelöhr, das Idlib mit der Außenwelt verbindet. Auch wenn eine Waffenruhe vereinbart wurde, kommt es dort fast täglich zu Bombardements und Scharmützeln zwischen syrischen Regierungstruppen und islamistischen Aufständischen.

Mehr als eine Million Menschen in Idlib sind entwurzelt, wurden aus anderen Landesteilen Syriens vertrieben, viele mehrfach. Sie leben in Camps oder Baracken dicht gedrängt, viele traumatisiert und schwach. Es gibt nicht genug Trinkwasser, oft ist es verseucht. "Jeden zweiten Monat erhalten wir ein Paket mit Reis, Zucker und anderem", sagt Ali Al-Ahmed. "Ohne sie würden wir sterben."

Jahrelanger Streit um offene Grenzposten

Am 10. Juli aber läuft das UN-Mandat aus, das die Grundlage für die Hilfslieferungen darstellt. Eine Verlängerung scheint derzeit mehr als ungewiss. 2014 hatte der UN-Sicherheitsrat beschlossen, vier Grenzposten nach Nordwestsyrien zu öffnen, um die Menschen mit dem Nötigsten versorgen zu können. Immer wieder musste das Mandat erneuert werden. Syrien und sein engster Verbündeter Russland aber stellten sich zunehmend quer.

Vor einem Jahr war der mühsam errungene Minimalkompromiss, nur noch einen Grenzübergang für ein Jahr offenzuhalten. Diese Frist endet nun. Russland hat bereits erkennen lassen, dass es einer Verlängerung nicht zustimmen wird.

"Wenn wir die Hilfslieferungen nicht fortsetzen können, verschlimmert sich eine der größten humanitären Krisen der Welt", sagt Mark Cutts, stellvertretender UN-Koordinator für humanitäre Hilfe in Syrien. "Es wäre eine absolute Katastrophe."

Linda Thomas-Greenfield mit einer UN-Helferin vor Hilfsgütern am syrisch-türkischen Grenzübergang Bab al-Hawa | AP

Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Linda Thomas-Greenfield, mit Mitarbeitern am syrisch-türkischen Grenzübergang Bab al-Hawa (3. Juni 2021). Bild: AP

Keine Hilfslieferungen über Damaskus

Russland argumentiert, dass die Lieferungen auch über die Regierung in Damaskus abgewickelt werden könnten. Doch eben das scheint in der Realität nicht zu funktionieren, wie Cutts berichtet: "Trotz extrem langer und intensiver Verhandlungen mit den verschiedenen Konfliktparteien ist es im vergangenen Jahr nicht gelungen, auch nur einen einzigen Lastwagen von der Regierungsseite auf das Rebellengebiet zu bekommen."

Viele Flüchtlinge fürchten, dass Syriens Machthaber Assad Aufständische einmal mehr mit der Waffe des Hungers bezwingen wolle, so wie schon zuvor in Homas, Hama oder Aleppo. Tausende Menschen waren in den einstigen Rebellenhochburgen von der Außenwelt abgeriegelt und hatten kaum noch etwas zu essen und zu trinken.

Abdul Salam Khalid fragt sich deshalb: "Warum sollten diejenigen, die uns getötet und vertrieben, unsere Heimat zerstört haben, uns künftig Essen und Medikamente liefern?"

Sicherheitsrat ringt um Lösung

Hinter den Kulissen der Vereinten Nationen in New York wird um eine diplomatische Lösung gerungen. Vor allem die USA drängen auf eine Verlängerung. Doch bislang zeichnet sich kein Kompromiss ab. UN-Koordinator Cutts fordert deshalb eine gemeinsame Kraftanstrengung der Mitglieder des Sicherheitsrats. Das Leben von Zivilisten müsse an erste Stelle gesetzt werden.

Familienvater Muhana Ismael macht sich große Sorgen: "Unser Leben hängt an Gottes Willen und den Lebensmittelpaketen." Wenn nicht bald etwas geschehe, stehe die Gesundheit seiner Kinder auf dem Spiel. Und die Hunderttausender anderer.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Juni 2021 um 12:00 Uhr.