Geflüchtete Kinder schauen aus einem verschneiten Zelt hervor. | dpa

Lage in Syrien Zwischen Tod, Not und Verfolgung

Stand: 24.01.2022 15:52 Uhr

Während EU-Außenminister und UN-Menschenrechtsrat heute über die Lage in Syrien beraten, erschüttern neue IS-Angriffe den Nordosten des Landes. Dort fehlt es den Menschen im Winter am Nötigsten.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Manchen Kindern in Syrien bereiten die Schneemassen Vergnügen - für andere jedoch und für ihre Eltern ist der Wintereinbruch eine Katastrophe, wie eine Frau aus einem Flüchtlingslager in der Provinz Aleppo dem Reporter des Fernsehsenders Aljazeera erzählt: "Den ganzen Tag über hat es geschneit, und in der Nacht sind dann unsere Zelte eingestürzt. Die Kinder litten unter der Kälte, sie schrien: Mama, Mama, es ist so kalt."

Jürgen Stryjak ARD-Studio Kairo

Nach UN-Angaben sollen bis zum 19. Januar in der Gegend 362 Zelte von den Schneemassen zerstört worden sein. "Unser Camp besteht aus 14 Zelten", ergänzt ein Mann aus dem Flüchtlingslager. "Die Hälfte ist unter dem Schnee zusammengebrochen. Wir hatten in der Nacht Temperaturen unter null Grad."

Das Lager befindet sich im Norden Syriens, in einem Gebiet, das von Aufständischen kontrolliert wird. Aber auch dort, wo das Regime von Präsident Bashar al-Assad die Macht hat, herrscht Not. "Was soll ich tun? Wir haben kaum Strom zu Hause", erzählt ein Mann in einem Badehaus in Damaskus. "Und wenn er mal nur für eine Stunde da ist, dann können wir nicht mal für alle in der Familie Wasser erhitzen. Wir sind zehn Personen zu Hause."

IS-Angriffe im Nordosten geht weiter

Die humanitäre Situation ist im gesamten Land katastrophal. Dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen zufolge können in Syrien 12,4 Millionen Menschen nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgt werden. Die meisten Syrerinnen und Syrer brauchen dringend humanitäre Hilfe.

Die Kriegshandlungen haben stark nachgelassen, aber immer noch sterben Menschen. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sollen 2021 mindestens 3700 Menschen im Syrien-Konflikt getötet worden sein, darunter 1500 Zivilisten, 306 von ihnen Kinder. Knapp 300 Menschen wurden zu Opfern von Landminen.

Vor allem im Nordosten Syriens leiden die Menschen immer wieder unter Angriffen von Extremisten des sogenannten "Islamischen Staats". Vor drei Jahren verlor die Terrororganisation ihr selbsternanntes Kalifat, aber sie ist alles andere als besiegt.

Nach UN-Angaben sollen sich rund 10.000 IS-Dschihadisten in unzugänglichen Wüstengebiete im Grenzgebiet von Syrien und Irak zurückgezogen haben. Außerdem sollen sie in bewohnten Regionen Schläferzellen aufgebaut haben. Sie terrorisieren die Bevölkerung, nehmen Geiseln, um Lösegeld zu erpressen und verüben Anschläge, mehrere hundert allein im vergangenen Jahr im kurdisch dominierten Nordosten Syriens.

UN besorgt um Zivilisten

Dort versuchen IS-Extremisten auch immer wieder, Anhänger aus Gefängnissen zu befreien. Der bislang größte dieser Versuche begann am Donnerstagabend. IS-Kämpfer zündeten offenbar am Eingang des Gefängnisses Ghuweiran in der Stadt Al-Hassaka zwei Autobomben, drangen in Teile des Gefängnisses ein und verhalfen nach IS-Angaben rund 800 Insassen zur Flucht. Die Gefechte gegen die IS-Kämpfer dauerten auch heute noch an. Die kurdisch geführten Einheiten der Syrisch-Demokratischen Kräfte werden dabei von US-Truppen aus der Luft unterstützt.

Nach Angaben des UN-Nothilfebüros (OCHA) sollen inzwischen bis zu 45.000 Menschen aus angrenzenden Wohngebieten vor dem Ausbruch der Kämpfe geflohen sein. Die UN äußerten sich besorgt über die Sicherheit von Zivilisten in der Umgebung. Insbesondere durch die eisige Kälte benötigten die Vertriebenen rasche Hilfe. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte am Montag mit, dass bei den Gefechten inzwischen mehr als 150 Menschen getötet wurden, darunter 102 IS-Dschihadisten.

Assad hat Polizeistaat wieder errichtet

Im großen Rest des Landes kontrolliert die Regierung von Baschar al-Assad inzwischen wieder rund 70 Prozent des Staatsgebietes, darunter fast alle wichtigen Siedlungszentren. Dort herrscht das Regime mit einem brutalen Polizeistaat, in dem nach Erkenntnissen von Menschenrechtsorganisationen Folter und Misshandlungen an der Tagesordnung sind und Menschen verschwinden.

Internationaler Druck könnte das Assad-Regime womöglich daran hindern - aber es sieht nicht so aus, als würde der in ausreichendem Maße entstehen. Im Gegenteil, vor allem etliche arabische Länder scheinen ihren Frieden mit Assad machen zu wollen. Jordanien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman und andere Staaten eröffneten neue Kanäle für die Normalisierung der Beziehungen.

"Einige Länder suchen offenbar die Annäherung an Assad, weil sie glauben, dass sie Syrien damit aus dem Schoß des Iran holen könnten", sagt Ibrahim al-Gibawy. Aber wer das glaube, so der syrische Oppositionelle, kenne das Assad-Regime nicht.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. Januar 2022 um 12:10 Uhr.