Menschen in Sri Lanka sitzen auf den Stufen des Präsidentenpalasts | REUTERS

Rücktritt in Sri Lanka Rajapaksa hinterlässt ein Land in der Krise

Stand: 10.07.2022 10:43 Uhr

Absperrungen und Schüsse konnten sie nicht aufhalten: Tausende Demonstranten hatten gestern den Präsidentenpalast in Colombo gestürmt. Der zurückgetretene Präsident hinterlässt ein heruntergewirtschaftetes Land.

Von Silke Diettrich, ARD-Studie Neu Delhi

Die Drohnenaufnahmen der Nachrichtenagenturen zeigen unfassbare Bilder: Vor lauter Menschen ist der Asphalt der Straßen in der Hauptstadt Colombo nicht mehr zu erkennen. Zehntausende Demonstranten hatten gestern den Amtssitz des Präsidenten umzingelt, obwohl der zuvor eine Ausgangssperre ausgerufen hatte. Absperrungen, Tränengas und Schüsse, rund 20.000 Soldaten und Polizisten im Einsatz: All das konnte die Menschen nicht aufhalten, sie haben den Präsidentenpalast gestürmt.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Auf Videos in den sozialen Netzwerken ist zu sehen, wie die Demonstranten in den präsidialen Swimmingpool springen, wie sie in den Fluren und Treppenhäusern umherlaufen und Essen aus der Küche verteilen. Das Ziel der wütenden Menschen: den Präsidenten Gotabaya Rajapaksa aus dem Amt zu vertreiben. Ein Demonstrant in einem Video sagt der Nachrichtenagentur Reuters:

Wenn man den ganzen Luxus hier sieht, ist doch klar, dass der keine Zeit hatte, das Land zu regieren. Schauen Sie sich das an, solche Orte wie der Palast, das sind doch reine Verschwendungen unserer Ressourcen.
Demonstranten im Pool des Präsidentenpalastes in Sri Lanka | AFP

Videos in den sozialen Netzwerken zeigen Demonstranten, die in den präsidialen Swimming-Pool springen. Bild: AFP

Schwerste Wirtschaftskrise, die das Land je gesehen hat

Die meisten Menschen in Sri Lanka mussten in den letzten Monaten nicht nur auf Luxus verzichten, es fehlt am Nötigsten: Kaum noch Medikamente, ganz wenig Treibstoff, fast kein Kochgas mehr. Statt zu arbeiten, müssen sie tagelang in Schlangen anstehen. Dabei sind, genau wie bei den Protesten in den letzten Wochen, schon mehrere Menschen ums Leben gekommen. Sri Lanka ist bankrott und kann auch seine Auslandsschulden nicht mehr bezahlen.

Die Folgen der Corona-Pandemie haben das Land am Ende völlig in die Pleite getrieben. Aber die Menschen geben vor allem dem Präsidenten die Schuld an der Misere. Der war gestern noch rechtzeitig vor dem Sturm auf den Palast auf ein Marineschiff geflohen.

Vetternwirtschaft seit Jahrzehnten

Rajapaksa ist durch und durch ein Mann des Militärs. "Terminator", das ist sein Spitzname zu Hause, bei der reichsten Politikerfamilie des Landes. Zehn Jahre lang war er Verteidigungsminister in Sri Lanka, zusammen mit seinem Bruder hatte er im Jahr 2009 den Bürgerkrieg auf der Insel beendet, der mehr als 25 Jahre angedauert hatte. Und sein Bruder war bis vor Kurzem auch noch Premierminister des Landes, ist wegen der Proteste aber im April schon zurückgetreten.

Sri Lankas Präsident Gotabaya Rajapaksa | picture alliance/AP Photo

Rajapaksa und seine Familie hatten jahrelang Einfluss in Sri Lanka. Bild: picture alliance/AP Photo

Vetternwirtschaft hätten sie seit Jahrzehnten betrieben, sagt der Politik-Professor Jayadeva Uyangoda. "Unter ihnen ist Sri Lanka zu einer Oligarchie geworden. Brüder, Söhne, alleine zehn Familienmitglieder, die im Parlament sitzen."

Monatelang hatte Rajapaksa sich noch an sein Amt gekrallt. Nun hat er angekündigt, kommenden Mittwoch abtreten zu wollen. Sri Lanka hinterlässt er in der schlimmsten wirtschaftlichen Krise, die das Land je gesehen hat.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 10. Juli 2022 um 10:39 Uhr.