Eine Passantin spendet einem alten Mann in St. Petersburg (Russland) Geld | picture alliance / dpa
Europamagazin

Reportage aus Woronesch Russlands ganz normale Armut

Stand: 06.02.2021 04:55 Uhr

Unvorstellbarer Reichtum - und prekäre Lebensverhältnisse. Dieser Widerspruch prägt Russland. In Woronesch, einer der ärmsten Städte, kommen viele Bürger nur mit Hilfe von Hilfsorganisationen durch den Alltag.

Von Jo Angerer, ARD-Studio Moskau

In einer kleinen Kirche in Woronesch, einer Industriestadt 500 Kilometer südlich von Moskau, hat die Hilfsorganisation "Lebensmittel-Spende" ihr Hauptquartier. Solche Hilfsorganisationen gibt es in vielen russischen Städten. Ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter bringen gespendete Lebensmittel zu Bedürftigen.

Jo Angerer ARD-Studio Moskau

Denn rund 20 Millionen Menschen leben in Russland unterhalb der Armutsgrenze von rund 100 Euro. Der Grund ist die Wirtschaftskrise, verschärft noch durch Corona. Hilfe vom Staat, wie etwa in Deutschland in Form der Hartz-Leistungen - Fehlanzeige. Viele Russen sind angewiesen auf private Hilfsorganisationen.

Hilfe, die vorhalten soll

Ljubow Wolkowa, die Initiatorin von "Lebensmittel-Sende" in Woronesch, hat einen langen Tag vor sich. Zusammen mit ihren Helfern sortiert sie die Spenden, packt sie in Tüten. "Nicht in jeder ist das Gleiche", sagt sie, "Aber es sind hauptsächlich Lebensmittel mit langer Haltbarkeit. Getreideflocken, Nudeln, Mehl, Sonnenblumenöl, Tee. Grundnahrungsmittel also."

Wolkowa war erfolgreiche Unternehmerin, ist in Rente und bringt jetzt gespendete Lebensmittel zu Menschen wie Nina Fedorowna, deren karge Rente kaum zum Überleben reicht. Gerade mal 100 Euro bleiben ihr im Monat - nach Abzug der Miete. "Kleidung kaufe ich nicht", sagt sie , "und auch keine teuren Lebensmittel. Irgendwas Billiges halt. Fleisch fast nie. Manchmal vielleicht etwas Schweinefleisch."

Federowna hat einen kleinen Garten außerhalb der Stadt. Etwas Gemüse baut sie dort an - für den Winter, der hart sein kann in Woronesch. In diesem Jahr hat Nina nur Tomaten. Die Gurken sind vertrocknet, sie weiß auch nicht warum, erzählt sie uns.

Kirche in Woronesch. Dort hat die "Lebensmittel-Spende" ihr Hauptquartier. | Jo Angerer, ARD-Studio Moskau

In dieser Kirche in Woronesch packt die Hilfsorganisation ihre Lebensmittelpakete. Bild: Jo Angerer, ARD-Studio Moskau

"Unsere Hilfe ist sehr gefragt"

Die Geschichte von Nina Fedorowna ist kein Einzelfall. "Unsere Klienten sind Menschen mit vielen Kindern. Alleinstehende. Menschen in schwierigen Situationen. Auch manche, die an Covid-19 erkrankt sind", erzählt Wolkowa. "Heutzutage ist unsere Hilfe sehr gefragt."

Die Lebensmittel bekommt sie von Spendern. Bei aller Armut - in Russland sind die Menschen sehr solidarisch. Auch die Händler auf dem Markt im Viertel geben manchmal etwas ab.

Rund 1,3 Millionen Menschen leben in Woronesch, es gibt viele Industrieunternehmen in der Stadt, aber eben auch viel Armut in Zeiten der Krise. Woronesch zählt zu den zehn ärmsten Städten in Russland. Auch die großen Supermarktketten am Stadtrand helfen mit. Hier hat Wolkowa eine Spendenbox aufgestellt. Die Idee gibt es auch in Deutschland: Die Kunden kaufen Lebensmittel für Bedürftige. "Es ist keine große Sache, eine Packung Nudeln zu kaufen. Aber eine große Hilfe für eine Oma, die nicht aus dem Haus kann", sagt sie.

In Moskau kauft ein Mann Lebensmittel für Menschen, die in Corona-Quarantäne sind | AFP

Solche Hilfsorganisationen gibt es viele In Russland - dieser Mann kauft in Moskau Lebensmittel für Menschen in Corona-Quarantäne. Bild: AFP

Die Armut ist weiblich

Armut, das wissen sie auch hier, ist überwiegend weiblich. Maria Winogradowa zum Beispiel ist alleinerziehend, lebt mit ihren fünf Kindern auf 44 Quadratmetern. Ihre Geschichte steht für viele in Russland.

"Es ist schon hart. Mein Mann hat mich verlassen. Vorher war es gar nicht so schlecht", erzählt sie. "Aber jetzt muss ich die Belastung mit den fünf Kindern tragen." Vorher, das war, bevor ihr Mann wusste, dass das fünfte Kind wieder kein Junge werden würde.

Und jetzt? Rund 90 Euro habe sie im Monat, plus ein wenig Kindergeld für die beiden Jüngsten. Die Familie hilft - und ein Zuverdienst: "Ich verkaufe etwas Kosmetik im Internet. Ich will das hinkriegen, mache selbst Seife, gehe auf den Markt und biete sie an", erzählt Winogradowa. "Manchmal kaufen sie die Leute."

Ljubow Wolkowa und ihre Helfer packen Lebensmittelpakete. | Jo Angerer, ARD-Studio Moskau

Jedes Paket ist anders, wichtig aber ist die Haltbarkeit der Spenden. Bild: Jo Angerer, ARD-Studio Moskau

Die Renten sind zu niedrig

Jeden Samstag kocht Wolkowa für diejenigen, die gar nichts mehr haben, die auf der Straße leben. Vor allem die Altersarmut bedrückt sie. "Der Staat ist verantwortlich für die Armut", sagt sie. "Es wäre anders, hätten wir normale Renten. Doch weil die Renten so niedrig sind, haben wir diese Situation in Russland."

Ob das mal anders wird? Wolkowa hofft darauf. Und wird weiter Tag für Tag unterwegs sein zu Menschen, die ohne ihre Arbeit hungern müssten. In Woronesch, der ganz normalen Stadt in Russland.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin - am Sonntag um 12:45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete die ARD im Europamagazin am 07. Februar 2021 um 12:45 Uhr.