In Karatschi (Pakistan) warten Tagelöhner auf ein Angebot für eine Beschäftigung auf dem Bau. | EPA

Inflation in Pakistan Wenn es für die Ärmsten zu teuer wird

Stand: 10.11.2021 17:43 Uhr

Hohe Rohstoffpreise heizen weltweit die Inflation an. In Pakistan steigt sie besonders stark, und das trifft die Ärmsten. Der Kampf um das wirtschaftliche Überleben wird noch härter. Die Wut auf die Regierung wächst.

Von Oliver Feldforth, ARD-Studio New-Delhi

Heute hat Tariq Mahmood Glück, sein Friseursalon ist gut besucht. Mit schnellen Schnitten stutzt er einem Mann den langen Bart. Oft fehlen dem 36-Jährigen die Kunden, denn mit der steigenden Inflation versuchen alle in Pakistan zu sparen, wo sie können. Er hat das Geschäft vor Jahren von seinem Vater übernommen. Jetzt weiß er nicht, wie er die Miete bezahlen soll.

Oliver Feldforth

"Wir wissen nicht, was morgen kommt", sagt er, "ich weiß auch nicht, wie ich die Schulgebühren für meine Kinder bezahlen soll. Ich habe kein Geld für die täglichen Ausgaben. Wir wissen inzwischen nicht mal, ob wir nächste Woche noch genug zu essen haben."

Ökonomen sehen Pakistan in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. In den vergangenen drei Jahren hat die pakistanische Rupie gegenüber dem US-Dollar fast die Hälfte ihres Wertes eingebüßt, so der Wirtschaftswissenschaftler Talat Anwar vom Centre of Development and Public Policy.

Tariq Mahmood in seinem Friseursalon in Islamabad (Pakistan) | ARD-Studio Südasien

Ein voller Friseursalon ist für Tariq Mahmood selten geworden - ein Haarschnitt gehört zu den Dingen, die man noch am einfachsten aufschieben kann. Bild: ARD-Studio Südasien

Sorge um die Kinder

Von morgens bis abends putzen und dabei sehen müssen, dass es einigen in Islamabad viel besser geht als ihr: So ergeht es Nargis Josephine, die jeden Tag mehr als zwölf Stunden von Job zu Job hetzt - und trotzdem reicht es nicht mehr für ihren kranken Mann und ihre fünf Kinder. Auch ihr machen die steigenden Preise zu schaffen. "Manchmal haben wir genug zu essen, manchmal haben wir nicht genug Geld dafür", erzählt sie. "Aber wir vertrauen unserem Schöpfer bei allem, er wird für uns sorgen."

Die Familie gehört zu der kleinen christlichen Minderheit in Pakistan Sie müssen oft die schlechtbezahlteste Arbeit machen. So trifft sie die Geldentwertung besonders hart.

"Wenn ich in den reichen muslimischen Häusern arbeite, sehe ich, wie die Kinder dort zu Schule gehen und eine Ausbildung bekommen", sagt sie. "Sie werden später gute Jobs haben und ihre Eltern unterstützen können." Sie wünsche sich auch, dass ihre zwei jüngeren Töchter eine gute Ausbildung erhalten. Stattdessen können sie nicht zur Schule gehen, weil die Familie kein Geld hat.

Nargis Josephine | ARD-Studio Südasien

Zwölf Stunden putzen reichen gerade einmal für das Nötigste - vom gesellschaftlichen Aufstieg kann Nargis Josephine vorerst nur träumen. Bild: ARD-Studio Südasien

Hohe Rohstoffpreise, hohes Leistungsbilanzdefizit

Die Inflation ist in Pakistan zuletzt auf mehr als zwölf Prozent gestiegen. Das bedeutet nach Schätzungen der Weltbank für 40 Prozent der Haushalte im Land, dass das Geld oft nicht mal mehr für eine tägliche Mahlzeit reicht.

Die Gründe für diese Geldentwertung liegen in den wirtschaftlichen Problemen des Landes. So habe  Pakistan ein großes Leistungsbilanzdefizit, vor allem wegen der hohen Rohstoffpreise auf den internationalen Märkten, so der Ökonom Talat Anwar. Der Ölpreis ist extrem gestiegen, wie auch der Preis für andere Rohstoffe, die Pakistan importiert. Gleichzeitig würden mehr Nahrungsmittel ein- als ausgeführt. Die steigenden Preise dieser Importe treiben auch die Inflation des Landes.

Im Oktober gingen Tausende im ganzen Land auf die Straße, um gegen die steigenden Preise zu demonstrieren. Die Inflation trifft Pakistan in einer Phase der Verunsicherung und Radikalisierung. Die vielen afghanischen Flüchtlinge sorgen immer mehr für Unruhe. Islamistische Parteien versuchen, das Land zu destabilisieren.

Die Hilfen kommen nicht an

Friseur Tariq Mahmood müsste sich eigentlich ein paar Kleinigkeiten für seinen Friseursalon kaufen. Doch selbst für eine neue Schere ist kein Geld da. Die Regierung versucht mit subventionierten Lebensmitteln die Folgen der Geldentwertung zu lindern. Davon merkt er aber nichts.

Er erwartet von der Regierung eigentlich, dass sie die Dinge zum Positiven wendet, sagt er, aber sie mache ihm das Leben eher noch schwieriger. Die Preise seien völlig außer Kontrolle. Er habe schon Mitarbeiter entlassen müssen.

Schon die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie haben den Armen Pakistans die letzten Reserven genommen. Die steigende Inflation trifft sie auch deswegen besonders hart.

Über die Situation in Pakistan berichtete Deutschlandfunk am 17. Februar 2021 um 18:40 Uhr in der Sendung "Hintergrund".