Die Chefin des Organisationskommiteees der Olympischen Sommerspiele Tokio 2020, Hashimoto, trägt eine Mund-Nase-Maske mit der Aufschrift "Gleichheit" | AP

Diversität in Japan Vielfalt - wenig mehr als ein Motto

Stand: 21.07.2021 04:15 Uhr

"Einheit in Vielfalt" ist das Motto dieser Olympischen Spiele - in Japan wird das aber kaum gelebt. Wie es im Olympia-Land um die Rechte queerer Menschen steht.

Julia Linn ARD-Studio Tokio

Julia Linn, ARD-Studio Tokio

Respekt und Diversität haben sich die Olympia-Organisatoren auf die Fahnen geschrieben. Gastgeber Japan scheint es damit allerdings noch nicht allzu ernst zu meinen. Wer hier nicht ins Schema passt, erlebt häufig Diskriminierung. Die LGBTQ-Gemeinschaft im Land hatte gehofft, dass die Olympischen Spiele daran etwas ändern. Aber ihre Hoffnung wird wohl enttäuscht.

Erst im Juni scheiterte ein Gesetz, das die Grundrechte queerer Menschen sichern sollte. Der Winderstand innerhalb der konservativen Regierungspartei lag nur an einem einzigen Satz: "Die Diskriminierung von LGBTQ-Menschen ist inakzeptabel." Für Entsetzen sorgten Abgeordnete bei der Debatte: Die Anliegen Homosexueller und transgeschlechtlicher Menschen seien "töricht", ihre Existenz "gegen die Erhaltung der Spezies des japanischen Volks".

Im internationalen Vergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung steht Japan unter den 40 wohlhabendsten Nationen bei den Rechten queerer Menschen auf dem vorletzten Platz. Japan ist zudem der einzige G7-Staat, der keine gleichgeschlechtlichen Ehen erlaubt.

Nur einzelne Städte haben sogenannte Partnerschafts-Zertifikate eingeführt. Im März nannte ein Gericht in Sapporo das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen verfassungswidrig - konkrete Konsequenzen wurden daraus bisher nicht gezogen, der Fall durchläuft die verschiedenen Gerichtsinstanzen.

In Sapporo (Japan) demonstrieren im September 2020 Vertreter von LGBTQ-Gruppen für Gleichberechtigung | AP

Das Selbstverständliche aussprechen und einfordern: Im September 2020 demonstrieren in Sapporo Vertreter von LGBTQ-Gruppen für Gleichberechtigung. Bild: AP

Das Komitee setzt ein Zeichen

Nach dem Scheitern des LGBTQ-Gesetzes wollte das japanische Olympische Komitee (JOC) offenbar zeigen, dass Japans Sportwelt für Diversität offen sei. Einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele wurde ein neuer Vorstand gewählt - erstmals mit 40 Prozent Frauen und einem Transmann.

Fumino Sugiyama ist in Japan ein bekannter Transgender-Aktivist, war früher selbst in der Damen-Nationalmannschaft im Fechten. Dass das LGBTQ-Gesetz kurz vor den Olympischen Spielen nicht verabschiedet wurde, habe ihn auch als JOC-Vorstand enttäuscht - "damit wurde gezeigt, wie stark Diskriminierung und tief verwurzelte Vorurteile sind", sagte er.

Er wisse aus eigener Erfahrung, dass es in der japanischen Sportszene zwar langsam voran ginge, aber es noch an Verständnis mangele, so Sugiyama. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro hatten sich mehrere Athletinnen und Athleten geoutet. Dass das auch bei diesen Spielen in Japan passieren könnte, hält er für unrealistisch: Homosexuelle Sportler würden noch häufig als "krank" diskriminiert. Der 39-Jährige sieht sich als Vorstandsmitglied des JOC hier auch selbst in der Verantwortung: "Anstatt darauf zu warten, dass sich die Gesellschaft ändert, damit die Sportwelt nachziehen kann, muss die Sportwelt zum Vorbild aller werden", meint er.

Seiko Hashimoto, Organisationschefin der Olympischen Spiele, besucht in Tokio das "PrIde"-Haus | AP

Demonstrative Visite - Seiko Hashimoto, Organisationschefin der Olympischen Spiele, besucht in Tokio das "Pride"-Haus. Bild: AP

Das erste Coming-Out

Eine Vorreiterin der LGBTQ-Gemeinschaft im Land ist Shiho Shimoyamada. Sie hat als erste aktive Profisportlerin Japans das Tabu gebrochen und öffentlich gesagt, dass sie Frauen liebt. Den Mut dazu hat die Fußballerin nicht in ihrer Heimat gefunden, sondern als Spielerin beim SV Meppen. "Als ich gesehen habe, dass sich LGBTQ-Menschen hier nicht verstecken müssen, wollte ich das auch. In Japan musste ich immer Lügen erzählen", so Shimoyamada.

Auch sie hatte gehofft, dass die Olympischen Spiele die Gleichberechtigung in ihrem Land vorantreiben. Gerade der Sport sei dafür ideal geeignet, denn: "Auf dem Feld spielt es keine Rolle, wer oder was man ist."

Diskussion um erste trans Athletin

Dass es aber dennoch für die Sportwelt eine Rolle spielt, zeigt der Fall von Laurel Hubbard. Die Gewichtheberin wird in Tokio als erste Transfrau bei den Olympischen Spielen antreten, im Superschwergewicht. Vor neun Jahren hat sie ihr Geschlecht anpassen lassen.

Kritiker sagen, dass Hubbards Olympia-Teilnahme nicht fair sei, sie habe durch ihre Anatomie Leistungsvorteile. Andere Stimmen, darunter auch Vertreter des Internationalen Olympischen Komitees, halten dagegen: Hubbards Geschlechtanpassung liege lang genug zurück und ihr Testosteronspiegel werde regelmäßig kontrolliert, damit er Grenzwerte nicht überschreite.

Auch wenn Hubbards Teilnahme in Tokio für viele transgeschlechtliche Menschen bereits ein wichtiges Zeichen ist - diese Diskussion und auch die Diskriminierungserfahrungen, denen japanische Sportler ausgesetzt sind, zeigen: Der Weg zu "Einheit in Vielfalt" ist noch weit.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Juli 2021 um 10:16 Uhr.