Polizisten gegen im Februar 2021 in Mandalay (Myanmar) gegen Demonstranten vor | AP

Myanmar "Sie wissen nur, wie man tötet"

Stand: 01.08.2021 11:47 Uhr

Für Myanmar ist es eine vielfache Krise: Vor einem halben Jahr putschte sich das Militär an die Macht und unterdrückt den Widerstand seitdem mit brutaler Gewalt. Zugleich zeigt es sich unfähig im Kampf gegen Corona.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Südostasien

Sechs Monate nach dem Putsch wird die Brutalität des Militärs noch deutlicher. Mehr Menschen leben in noch schlimmeren Verhältnissen. Und an allem sei das Militär Schuld, erzählt der buddhistische Mönch U Man Dala Lin Garya per Telefon.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Er hält sich in einem Dorf versteckt, denn die Armee hat sein Kloster besetzt und in der Großstadt Mandalay gab es keinen sicheren Ort für ihn. "Covid wütet schlimm", berichtet er, "es gibt nicht genug Sauerstoff - alles, weil die Junta versagt. Sie schlagen friedliche Proteste nieder und töten Menschen, fast Tausend sind gestorben, darunter Kinder, Geistliche und unschuldige Bürger. Politische Gefangene leiden, jede Sekunde ihres Lebens ist die Hölle."

Und wenn die Junta die Widerständler nicht fassen kann, dann bringe sie deren Kinder ins Gefängnis - ein- oder fünfjährige Jungen und Mädchen. Das ist der bittere Blick des Mönches auf seine Heimat Myanmar, ein halbes Jahr, nachdem Oberbefehlshaber Min Aung Hlaing die gewählte Regierung gestürzt hat.

Das Land leidet: Nicht nur unter schweren Überschwemmungen, die einige Landesteile verwüsteten. Nach der Protestwelle, die die Junta zum Teil blutig niederschlug, sucht das Coronavirus Myanmar heim: 289.000 Infizierte hat die Johns Hopkins Universität bislang gezählt, 8500 sind gestorben, aber die Dunkelziffer ist wohl viel höher. In Yangon, der größten Stadt des Landes, rüstet die Armee die Krematorien auf, sodass 3000 Leichen täglich verbrannt werden könnten, berichten Beobachter. Nur wenige Menschen sind in Myanmar bisher geimpft. Die Armee horte Impfstoff für die eigenen Angehörigen, sagen Kritiker.

Ausnahmezustand verlängert - Wahl verschoben

Nach dem Putsch des Militärs in Myanmar soll es in dem südostasiatischen Land erst im August 2023 Neuwahlen geben. Juntachef Min Aung Hlaing kündigte in einer langen Fernsehansprache an, dass der Ausnahmezustand bis dahin verlängert werde. Die Junta teilte außerdem mit, dass Min Aung Hlaing zum Premierminister einer "Übergangsregierung" ernannt wurde. Das Militär hatte genau ein halbes Jahr zuvor, am 1. Februar dieses Jahres, die Macht ergriffen und die Regierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi gestürzt. Der Ausnahmezustand sollte zunächst ein Jahr dauern, wurde dann auf zwei und nun auf zweieinhalb Jahre verlängert.

In seiner 51 Minuten dauernden Rede erneuerte der Juntachef seine Vorwürfe gegen die gestürzte Regierung. Er warf Aung San Suu Kyi Machtmissbrauch vor und behauptete, die Parlamentswahl vom November 2020 sei manipuliert worden. Suu Kyi, die seit dem Putsch erneut im Hausarrest sitzt, hatte die Wahl mit ihrer Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) klar gewonnen.

Breite Widerstandsbewegung

Ein großer Teil der Bevölkerung hat sich der Bewegung des zivilen Ungehorsams angeschlossen, von Beamten, Lehrerinnen und Lehrern bis hin zum medizinischen Personal. Und sie werden oft verhaftet oder umgebracht. "Sie sind unfähig. Ich weiß nicht, was ich noch über sie sagen soll: Sie wissen nur, wie man tötet", sagt ein junger Mann, der sich dem bewaffneten Widerstand angeschlossen hat.

Früher habe er unterrichtet, nach dem Putsch sei er nach Yangon gegangen, die größte Stadt des Landes, und habe protestiert, erzählt er. Aber um ihn herum hätten die Sicherheitskräfte Menschen umgebracht, und ihm sei klar geworden, dass dieser Konflikt sich nicht durch Demonstrationen allein lösen lässt. "Also habe ich Yangon verlassen." In seinem Heimatdorf könne er sich wirkungsvoller einsetzen: "Es ist sicherer und ich kann mehr für die Revolution tun. Darum bin ich wieder hier in meinen Bergen, ich drucke hier eine Revolutionszeitung und gehöre zu den Verteidigungskräften meiner ethnischen Gruppe, der Chin."

Diese Verteidigungskräfte sind Teil der so genannten PDF, der People’s Defense Force. Die Volksverteidigung sieht überall im Land anders aus. Manche haben nur selbstgebaute Waffen. Manche, wie die bewaffneten ethnischen Minderheiten der Karen und der Kachin, kämpfen seit Jahrzehnten für ihre Unabhängigkeit und haben darum bessere Waffen und besseres Training.

Das Ziel: internationale Anerkennung

Sie alle kämpfen für sich, für ihr Land, für ihre Freiheit und in einer losen Verbindung auch für die Regierung der Nationalen Einheit. Diese Untergrundregierung, kurz NUG, besteht aus vielen Politikern rund um die Freiheitsikone Aung San Suu Kyi, aber auch aus vielen Vertretern der ethnischen Gruppierungen. Die NUG kämpft um internationale Anerkennung - bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen im September soll ihr Status diskutiert werden.

"Es fehlt an politischem Willen", sagt Kasit Piromya, früherer Außenminister Thailands bei der Pressekonferenz einer Menschenrechtsorganisation innerhalb der Vereinigung Südoastasiatischer Staaten. "Wir müssen die USA, die EU aufrufen zu helfen, zunächst Covid 19 zu bekämpfen und humanitäre Hilfe nach Myanmar zu bringen."

Westliche Regierungen zögern, um in keinen Stellvertreterkrieg hineingezogen zu werden, China und Russland stehen auch aus Handelsinteressen hinter der Armee. Seiner eigenen Organisation, ASEAN, wirft Piromya totales Versagen vor. "Wir alle müssen handeln, und wir müssen unsere ASEAN-Mitgliedstaaten warnen: Wenn sie nichts tun, machen sie sich zu Komplizen und wir bringen sie vor den Strafgerichtshof in Den Haag."

Wertlose Zusagen eines Putschisten

Beim bisher einzigen ASEAN-Sondergipfel im Juni wurde der Chef der Militärjunta, Min Aung Hlaing, freundlich begrüßt, er stimmte zu, dass das Blutvergießen enden müsse, es sollte ein Sonderbotschafter ins Land gelassen werden. Doch nichts geschah. Das Töten und Sterben geht weiter.

Seinetwegen sei Covid zu einer Seuche geworden, die die Menschen hier und in anderen Ländern bedrohe, sagt der junge Widerstandskämpfer über Min Aung Hlaing. " Während wir auf internationale Hilfe warten, kämpfen wir alleine gegen ihn und um unser Überleben. Manchmal geben wir die Hoffnung in die UN auf, als ob die Idee von Hilfe nur ein Traum wäre. Aber wir haben immer noch uns und unsere Menschlichkeit."

Die Proteste gehen nach wie vor weiter und die Menschen immer noch auf die Straße. Der Widerstandskämpfer setzt darauf, dass sie Druck auf das Militär und die Soldaten ausüben können, sodass die Einheit der Armee zerfällt. Und der Mönch U Man Dala Lin Garya sagt: "Ich will Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie. Ich will es hier und jetzt. Ich will, dass die Welt weiß, dass wir keine Sekunde länger unter dieser Diktatur leben wollen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juli 2021 um 12:35 Uhr.