Die Beerdigung von Artjom Nebajew in Kamensk-Uralski, Russland | Demian von Osten/ARD-Studio Moskau
Reportage

Teilmobilisierung in Russland Gefallen nach zehn Tagen

Stand: 21.10.2022 16:12 Uhr

Einen Monat nach der Teilmobilisierung kehren die ersten Gefallenen in Särgen nach Russland zurück. Bei einer Beerdigung in Kamensk-Uralskij mischen sich die Emotionen: Trauer, gefühlte Hilflosigkeit - und Rachsucht.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau, zzt. Kamensk-Uralskij

Der Platz nennt sich Allee des Ruhms, neben dem Kulturzentrum von Kamensk-Uralskij, einer Stadt mit 160.000 Einwohnern im Ural. Etwa 100 Menschen sind gekommen, um sich von Artjom Nebajew zu verabschieden, einem der ersten von Präsident Putin Mobilisierten, die in der Ukraine gefallen sind.

Demian von Osten ARD-Studio Moskau

Nebajews Geschichte ist typisch für diese Gegend. Er diente früher im Militär als Fallschirmjäger, hatte Kampferfahrung. Dann arbeitete er als Automechaniker. Kurz nachdem Präsident Putin Ende September die Teilmobilisierung ausrief, habe er sich selber beim Wehramt gemeldet, erzählen die Verwandten. Er wollte unbedingt an Russlands Spezialoperation in der Ukraine teilnehmen, erzählt sein Bruder Iwan: "Er ist Soldat, das war er immer. Dann hat er sich auf den Weg gemacht. Er wollte seine Heimat verteidigen."

Gefühl der Hilflosigkeit

Doch nur zehn Tage später kam er bei Kämpfen ums Leben. Ausgerechnet in der ukrainischen Region Cherson, in der die russische Armee derzeit stark unter Druck steht. Nebajew wurde 40 Jahre alt. Er war verheiratet, lebte mit seiner Frau und deren Kindern zusammen. "Wir werden immer unserer Helden gedenken," sagt Alexej Gerasimow, der Chef der Stadtverwaltung von Kamensk-Uralskij. "Wir sind stolz auf unseren Landsmann, den jungen Mann hier aus dem Ural. Ewigen Ruhm dem Helden, in liebevoller Erinnerung!"

Kamensk-Uralskij ist eine triste Großstadt, nicht weit von Russlands viertgrößter Metropole Jekaterinburg entfernt. Der Krieg in der Ukraine - mehr als 2000 Kilometer entfernt - ist für viele gefühlt weit weg. "Das sind wirklich keine guten Ereignisse," sagt der Familienvater Alexej. "Aber hier habe ich davon noch keine Folgen gespürt." Eigentlich sei er gegen den Krieg, ergänzt er noch.

"Natürlich hätte ich gerne, dass es friedlich gelöst wird, niemand getötet wird," meint die Rentnerin Tatjana. "Aber ich entscheide ja nichts, dafür gibt es andere Leute." Eine junge Frau Anfang 20, Xenia, findet: "Selbst, wenn Krieg herrscht, kann der doch politische Konflikte nicht lösen. Das kann nur unser Präsident, der über uns steht. Wir normalen Bürger können da in keiner Weise helfen."

Es ist ein Gefühl, das viele Menschen in Russlands Regionen haben: Der Staat entscheide über die Politik, normale Bürger hätten darauf keinen Einfluss. Daran ändern auch die vielen getöteten russischen Soldaten nichts. Offiziell sind es laut russischem Verteidigungsministerium Stand September 6000. Doch unabhängige Beobachter gehen von deutlich höheren Verlusten aus.

Die Beerdigung von Artjom Nebajew in Kamensk-Uralskij, Russland | Demian von Osten/ARD-Studio Moskau

Kränze für den gefallenen Artjom Nebajew. Bild: Demian von Osten/ARD-Studio Moskau

"Wir vernichten sie"

Auf dem Friedhof von Kamensk-Uralskij spielen sie die russische Hymne. Salutschüsse für den Gefallenen. Es gibt eine extra Reihe frischer Gräber von Soldaten, die in der Ukraine getötet wurden. Auch für Artjom Nebajew ist ein Grab ausgehoben. Der geschlossene Metallsarg mit kleinem Fenster für das Gesicht steht daneben.

Vertreter von Stadt oder Veteranenverband wollen der ARD kein Interview geben, formulieren aber Vorwürfe: Deutschland habe sich gegen Russland gestellt und liefere Waffen in die Ukraine. Kritik an der russischen Regierung ist nicht zu hören. Stattdessen fordert ein Soldat in einer Ansprache Rache an der Ukraine: "Wir vernichten sie und stellen die Ordnung dort wieder her, Ordnung in unserer Ukraine, da, wo unsere Brüder und Schwestern leben."

Die Beerdigung von Artjom Nebajew in Kamensk-Uralskij, Russland | Demian von Osten/ARD-Studio Moskau

Auf dem Friedhof fordert ein Soldat in einer Ansprache die "Vernichtung" und "Rache" an der Ukraine. Bild: Demian von Osten/ARD-Studio Moskau

Ein Stückchen weiter steht ein älterer Mann, der Kleidung nach war er auch einmal Soldat. Nikolaj heißt er und sagt, auch er wäre bereit zu kämpfen. "Es wird die Zeit kommen und auch wir Älteren gehen dahin, wenn man uns ruft. Egal, wohin uns unser Heimatland ruft, wir gehen dahin."

In Kamensk-Uralskij geht die Sorge um, dass noch weitere junge Männer aus der Region nur in Särgen wieder zurückkehren.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. Oktober 2022 um 07:48 Uhr.