Beschädigte Fahrzeuge und jemenitische Kinder sind nach einem Angriff mit unbemannten Luftfahrzeugen durch die vom Iran unterstützten Huthis in Taiz im Jemen zu sehen. | picture alliance / AA

Feuerpause im Jemen endet Banges Hoffen auf Verlängerung der Waffenruhe

Stand: 01.08.2022 19:28 Uhr

In der Nacht endet voraussichtlich die seit vier Monaten geltende Waffenruhe im Jemen. Die Hoffnung auf eine Verlängerung ist groß. Die humanitäre Lage im Land ist nach wie vor angespannt, einzelne Kämpfe flammten jüngst wieder auf.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Das kleine Kind auf der Liege in einem Krankenhaus der jemenitischen Stadt Taiz ist an Armen und Beinen verbunden. Es hat jedoch noch einmal Glück gehabt. Die Mutter berichtet einem Fernsehsender: "Unsere Kinder haben auf der Straße gespielt - es galt doch als sicher. Plötzlich wurden sie beschossen. Sie sprechen über eine Waffenruhe - aber wo ist die, wenn unsere Kinder beschossen werden?"

Anna Osius ARD-Studio Kairo

Mindestens elf Kinder wurden bei dem Beschuss von den Huthis vor einigen Tagen verletzt, ein Junge starb. Ausgerechnet in der letzten Woche der bislang geltenden Waffenruhe kam es im sonst deutlich friedlicheren Jemen wieder vereinzelt zu Gefechten - wie so oft sind Kinder die Leidtragenden.

Der UNICEF-Vertreter im Jemen, Philippe Duamelle, sagt im Interview mit der ARD: "Der jüngste Vorfall in Taiz ist eine Tragödie. Seit Beginn der Waffenruhe sind die Opferzahlen insgesamt wirklich deutlich zurückgegangen. Aber dennoch gab es zuletzt einige Gewaltausbrüche - und das in Taiz hätte nicht passieren dürfen."

Die UN habe die Forderung erneuert, die Waffenruhe strikt einzuhalten und dass Zivilisten, vor allem Kinder, nicht als Ziel genommen werden dürfen. Der Jemen brauche eine längere Waffenruhe dringend, die zu einem Friedensprozess und anhaltenden Frieden im Jemen führt, sagt Duamelle.

Demonstrationen für Ende der Gewalt

Die Bewohner von Taiz gehen auf die Straße, demonstrieren für ein Ende der Gewalt - vor allem aber für ein Ende der Belagerung durch die Huthis. "Die Befreiung von Taiz ist unser wichtigstes Ziel. Die Stadt ist seit bald acht Jahren unter Belagerung, die Huthis kontrollieren die Eingänge und Ausgänge. Sie stellen sich auch gegen die Bevölkerung. Es gibt kein Haus in Taiz, in dem nicht schon drei, vier Menschen getötet wurden", sagt Aref Jamil, stellvertretender Gouverneur von Taiz.

Das Schicksal jemenitischen Stadt, die immer noch von den Huthis belagert ist, gilt als einer der Dreh- und Angelpunkte in den Verhandlungen um eine Fortsetzung der Waffenruhe. Der UN-Sondergesandte für den Jemen, Hans Grundberg, macht sich für eine mehrmonatige Verlängerung stark:

"Lassen Sie uns klar sein: Die Alternative zur Waffenruhe ist eine Rückkehr zur Gewalt - vermutlich eine verschärfte Phase des Konflikts, mit allen Konsequenzen für die Zivilisten und die Region. Die Opferzahlen sind durch die Waffenruhe um zwei Drittel zurückgegangen."

Menschen, die ihre Verwandten verloren haben, protestieren gegen die Gewalt der Huthis gegen Zivilisten. | picture alliance / AA

Bewohner von Taiz protestieren gegen die Gewalt der Huthis gegen Zivilisten. Bild: picture alliance / AA

Krankenhäuser arbeiten wieder besser

Im Jemen kämpfen Anhänger des ehemaligen Präsidenten Abdrabbo Mansour Hadi, unterstützt von einer Militärkoalition unter Führung Saudi-Arabiens, gegen die Huthi-Rebellen, die das Land 2014 überrannt hatten. Die Huthis erhalten Hilfe aus dem Iran.

Anfang April einigten sich die Kriegsparteien auf eine zweimonatige Waffenruhe, die dann im Juni nochmals um zwei Monate verlängert wurde. Seitdem habe sich die Lage für die Zivilbevölkerung verbessert, sagt Ahmad Baroudi von der Hilfsorganisation "Save the children":

Die Waffenruhe war das Beste, was Jemen passieren konnte. Wir haben wieder Zugang zu Regionen und zu hilfsbedürftigen Kinder, die wir vorher aufgrund des Krieges nicht erreichen konnten, weil die Straßen nicht sicher waren.

Es komme wieder Öl ins Land, das erleichtere die Transporte. Auch Krankenhäuser könnten wieder besser arbeiten, sagt Baroudi.

Weiterhin katastrophale humanitäre Lage im Land

Doch trotz der Verbesserungen: Die humanitäre Lage im Jemen gilt immer noch als katastrophal: Rund 80 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Die Infrastruktur ist in den mehr als sieben Kriegsjahren kollabiert. Es mangelt an Ärzten und sauberem Trinkwasser, Lebensmittel sind teuer. Tausende Kinder hungern - und die weltweite Versorgungskrise macht die Lage noch schwieriger.

"Wir haben 2,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren im Land, die akut unterernährt sind - mehr als eine halbe Million davon ist lebensbedrohlich unterernährt. Insgesamt sind zwei Drittel der Bevölkerung auf Hilfe angewiesen", berichtet UNICEF-Vertreter Duamelle.

Hilfsgelder bleiben aus

Die Vereinten Nationen sprechen im Jemen von der schlimmsten humanitären Krise weltweit. Doch die Hilfsgelder der internationalen Gemeinschaft bleiben aus. Duamelle beklagt:

Der Jemen darf bei allen weltweiten Konflikten nicht vergessen werden. Dieses Jahr haben die Hilfsorganisationen im Jemen ihren Bedarf auf 4,2 Milliarden US-Dollar beziffert. Wie viel ist bislang zusammengekommen? 26 Prozent davon. Das bedeutet, dass Hilfsorganisationen gezwungen sind, lebensrettende Hilfsprogramme zu beenden.

Alle hoffen jetzt auf eine Verlängerung der Waffenruhe im Jemen - denn die bedeutete für die Menschen vor Ort vor allem eines: Hoffnung. "Einer der wichtigsten Aspekte der Waffenruhe ist, dass es den Menschen eine Perspektive gegeben hat. Hoffnung, dass dieser Krieg nach mehr als sieben Jahren beendet werden kann - und zwar nicht durch einen Sieger auf dem Schlachtfeld, sondern durch Lösungen am Verhandlungstisch", sagt Baroudi von "Save the children".

Das habe den Menschen eine Perspektive geben, dass sich ihre Lage verbessern könne. "Ob die Waffenruhe verlängert wird? Alle warten jetzt auf den Zehenspitzen auf diese Nachricht", so Baroudi.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. August 2022 um 13:22 Uhr.