Ein japanischer Fan hält die Flagge Südsudans während eines Trainigslaufs der südsudanesischen Olympia-Mannschaft | AP

Olympische Sommerspiele Laufen für ein geeintes Land

Stand: 15.06.2021 05:41 Uhr

Vier Läufer aus dem Südsudan und ihr Trainer sind seit eineinhalb Jahren in Japan gestrandet - wegen Corona. Bei den Olympischen Spielen sind sie chancenlos. Ihnen geht es aber um mehr als Medaillen.

Von Torben Börgers, ARD-Studio Tokio, zurzeit Hamburg

Startblöcke gibt es in ihrer Heimat nicht. Genauso wenig wie Laufschuhe. Oder gar eine Tartanbahn. Michael Machiek (30), Abraham Guem (21), Joseph Akoon (18) und Lucia Moris (18) stammen aus dem Südsudan, einem der ärmsten Länder der Welt. Seit 19 Monaten trainieren sie in Japan für ihren großen Traum: die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen. "Ich möchte die Menschen in meiner Heimat stolz machen", sagt Joseph Akoon, Spezialist für 400-Meter-Hürden. "Wenn sie mich im Fernsehen sehen, sollen sie glücklich sein."

Torben Börgers

Bei ihrer Ankunft im November 2019 ahnten die vier Athleten und ihr Trainer noch nicht, was sie erwarten würde. Die Universitätsstadt Maebashi hat sie aufgenommen - im Rahmen der "Host Town"-Initiative; Unterkunft und Verpflegung inklusive. An Neujahr wurden sie von ihren japanischen Gastgebern zum traditionellen Klebreisstampfen eingeladen, später in die Kunst der Kaligraphie eingeführt. Fast jeder Trainingstag beginnt mit einem Japanischkurs: Sport als Mittel der Völkerverständigung. Freiwillige Helferinnen und Helfer haben zudem fast 300.000 € an Spenden gesammelt, um die Sportler zu unterstützen.

Angst, nicht wieder einreisen zu dürfen

Was als vorübergehendes Trainingslager geplant war, wurde zum Daueraufenthalt. Als "Tokyo 2020" im vergangenen Jahr wegen der Corona-Pandemie abgesagt und verschoben wurde, blieb das Team im Land des Gastgebers - aus Angst, kein zweites Mal einreisen zu dürfen. Seitdem sind sie gestrandet - getrennt von ihren Familien, Tausende Kilometer entfernt, in einer für sie zunächst unbekannten Kultur. Ein Umstand, sagen sie, der sie nur noch stärker gemacht habe. "Wir haben eine Mission", sagt Trainer Joseph Omirok. "Wenn Du als Soldat in einen Krieg ziehst, erwartest Du auch nicht, heimzukehren."

Was es bedeutet, in den Krieg zu ziehen, haben Millionen von Südsudanesen bereits am eigenen Leib erfahren müssen. Mehr als 400.000 Einwohner des jüngsten Staates der Erde kamen in dem seit 2013 tobenden Bürgerkrieg ums Leben, jeder dritte Einwohner des afrikanischen Landes musste sein Zuhause verlassen - die drittgrößte Flüchtlingskrise weltweit nach Syrien und Afghanistan.

"Viel Respekt, dass sie unbeirrt ihr Bestes geben"

Mit der zweiten Teilnahme des Südsudans an Olympischen Sommerspielen überhaupt will die Mannschaft ein Zeichen für den Frieden in ihre Heimat senden - immerhin stammen die drei Läufer und eine Läuferin aus verschiedenen Teilen ihres tief zerstrittenen Landes. "Wenn sie uns gemeinsam trainieren sehen, bringt das unsere Landsleute vielleicht näher zusammen", sagt Abraham Guem, der im April bei einem Leichtathletik-Meeting in Tokio mit 3:42,99 Minuten einen neuen Landesrekord im 1500-Meter-Lauf aufgestellt hat - mehr als sieben Sekunden über der offiziellen Olympia-Norm.

Sportlich sind die Südsudanesen chancenlos, starten dürfen sie nur mit einer Sondergenehmigung. Dafür ist ihre Geschichte umso beliebter bei den Zuschauern ihrer Wettkämpfe. Gut möglich, dass die Vier zu den heimlichen Stars der Spiele werden.

Einen Vorgeschmack darauf bot zuletzt ein Leichtathletik-Meeting im Stadion von Niigata, 300 Kilometer nördlich von Tokio. Obwohl Akoon und Moris abgeschlagen als Letzte ins Ziel kamen, war ihnen die Sympathie des Publikums sicher. "Ich habe viel Respekt davor, dass sie unbeirrt ihr Bestes geben", sagte Kento Hiraga, der von der Tribüne aus zuschaute. "Meine Enkelin ist mit einem Türken zusammen", ergänzte Yoshio Hamashima. "Deshalb freue ich mich immer, wenn ich Nichtjapaner sehe und feuere sie an."

Japans Olympia-Fan Ishikawa zeigt die Fackel für das Olympische Feuer der südsudanesischen Mannschaft | AP

Eine Geste der Anerkennung: Japans Olympia-Fan Ishikawa zeigt die Fackel für das Olympische Feuer der südsudanesischen Mannschaft Bild: AP

Hoffen, dass die Spiele wirklich stattfinden

Anfeuern ist auch die Parade-Disziplin von Kyoko Ishikawa. Sie gilt als olympischer Super-Fan und ist seit 1992 zu allen Sommerspielen gereist - um vor allem die zu unterstützten, für die Dabeisein alles ist. Auf dem Trainingsplatz überreichte sie den Läufern aus dem Südsudan vergangene Woche symbolisch eine Fackel mit dem olympischen Feuer, die sie tags zuvor noch selbst durch ihre Heimat getragen hatte.

Sie hofft, dass Corona die Träume der Sportler nicht zum Platzen bringt: "Niemand weiß, was in den nächsten Wochen noch alles passieren kann, aber es kommt auf jeden Fall bald der Zeitpunkt, an dem eine endgültige Entscheidung getroffen werden muss."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. August 2020 um 19:10 Uhr.