Ein Mitarbeiter der Universitätsklinik in Yokohama hinter Plastikvorhängen. | REUTERS

Japan Kliniken, die Covid-Patienten abweisen

Stand: 09.06.2021 15:12 Uhr

Japans Gesundheitssystem gilt als besonders leistungsfähig. Doch viele Privatkliniken wollen keine kostspieligen Covid-Patienten aufnehmen. Das setzt öffentliche Krankenhäuser unter Druck - und die Olympischen Spiele rücken näher.

Von Torben Börgers, ARD-Studio Tokio, zurzeit Hamburg

Als sie schon verzweifelt nach Luft rang, musste Shizue Akita noch mehr als sechs Stunden warten - während Rettungssanitäter in Osaka fieberhaft nach einem Krankenhaus mit einem freien Intensivbett für die 87-jährige Corona-Patientin suchten. Als sie fündig wurden, war es bereits zu spät. Die Diagnose: akute Lungenentzündung und multiples Organversagen. Zwei Wochen später war sie tot. "Das ist ein von Menschen gemachtes Desaster", sagt ihr Sohn Kazuyuki Akita, der in Tokio lebt. "Es ist die Hölle".

Torben Börgers

Japan ist trotz mehr als 760.000 offiziell gemeldeter Infektionen und mehr als 13.600 Corona-Toter besser durch die Pandemie gekommen als andere Länder, kämpft aber weniger als zwei Monate vor der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele mit einer vierten Infektionswelle und nach wie vor stark ausgelasteten Krankenhäusern.

Der Notstand im Großraum Tokio und neun weiteren Präfekturen wurde unlängst bis zum 20. Juni verlängert. "Wir befinden uns noch immer in einer schwierigen Situation", räumte Japans Olympia-Cheforganisatorin Seiko Hashimoto am Dienstag ein. "Auch wenn wir einen leichten Rückgang der Infektionen in Tokio sehen, bete ich dafür, dass wir die Pandemie so schnell wie möglich unter Kontrolle kriegen."

Bettenkapazität stößt an Grenzen

Das japanische Gesundheitssystem wurde nach deutschem Vorbild aufgebaut und gilt eigentlich als besonders leistungsstark. Mit 8412 Krankenhäusern und 1,25 Millionen Krankenhausbetten steht die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt gut da. Laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 2019 lag Japan mit 13 Betten pro 1000 Einwohner sogar an der Spitze der Industrienationen. Zum Vergleich: Deutschland verfügt über acht Betten pro 1000 Einwohner, die USA über 2,9. Trotzdem werden in der Pandemie die Behandlungsmöglichkeiten knapp.

Tatsächlich stehen nämlich nur etwa fünf Prozent der Betten für die Behandlung von Covid-19-Patienten zur Verfügung. Da in Japan bislang jeder Patient mit positivem Corona-Test im Krankenhaus behandelt wird, gerät die Bettenkapazität schnell an ihre Grenzen. "Japan hat nur sehr begrenzte Möglichkeiten, schnell auf kurzfristigen Bedarf zu reagieren", kritisierte Kenji Shibuya, Professor für Volksgesundheit am King’s College in London, bereits Anfang des Jahres in mehrere Zeitungsinterviews. In Japan würden bettlägerige Senioren oft in Krankenhäusern betreut, die in anderen Ländern in Altersheimen oder zu Hause leben würden.

Hauptlast auf öffentlichen Kliniken

Historisch gesehen wurden Krankenhäuser in Japan nicht wie in Europa von Kirchen oder dem Staat gegründet, sondern häufig von Ärzten. 80 Prozent der Krankenhäuser befinden sich deshalb in privater Hand und führen oft nur ambulante Eingriffe durch. Corona-Patienten gelten als kostspielig und werden häufig abgewiesen. Öffentliche Kliniken tragen deshalb die Hauptlast der Pandemie. Gleichzeitig ist die Zahl lokaler Gesundheitszentren gesunken, die eine Schlüsselrolle bei der Vorbeugung von Infektionskrankheiten spielen - von etwa 850 in den 1990er-Jahren auf 469 im Jahr 2020.

Der Regierung sind die Hände gebunden: Sie kann den privaten Kliniken nicht einfach befehlen, die Kapazität ihrer Intensivbetten auszubauen. Deshalb versucht sie deren Betreiber mit Prämien von 35.000 Euro pro Bett zu locken. Bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Die Zahl der Intensivbetten liegt nach Angaben des japanischen Gesundheitsministeriums trotz eines Ausbaus während der Krise nur bei 13,5 Betten pro 100.000 Einwohner. In Deutschland ist der Wert fast dreimal so hoch.

Engpass im Hotspot Osaka

Am sichtbarsten wird der Engpass in Osaka, Japans drittgrößter Stadt, etwa zweieinhalb Stunden Zugfahrt von Tokio entfernt. Die gleichnamige Region verzeichnete im Mai ein Drittel aller landesweiten Corona-Toten, obwohl hier nur sieben Prozent der Bevölkerung leben. Aktuell werden in Osaka 1067 Patienten im Krankenhaus behandelt. Fast genauso viele warten dringend auf einen Platz. 4450 Patienten sind zu Hause unter Beobachtung, weitere 307 im Hotel.

Eine Mitarbeiterin der Universitätsklinik Osaka betritt den Intensivbereich. | REUTERS

Der Eingang zur Intensivstation an der Universitätsklinik Osaka. Bild: REUTERS

"In einfachen Worten: Unser Gesundheitssystem ist kollabiert", sagt Yuji Tohda, Direktor der Universitätsklinik Kindai. "Sie sagen immer: Die Olympischen Spiele werden ein Zeichen für den Sieg über die Pandemie - aber soweit sind wir noch lange nicht."

Japans Olympia-Macher und das Internationale Olympische Komitee zeigen sich davon bislang unbeeindruckt und versichern immer wieder, dass die Spiele wie geplant am 23. Juli eröffnet werden sollen und für alle Beteiligten sowie die japanischen Bürger "sicher" und "geschützt" seien.

Olympia-Ministerin Tamayo Marukawa erteilte Spekulationen über eine Verschiebung der Spiele auf September oder Oktober am Dienstag eine deutliche Absage. Premierminister Yoshihide Suga kündigte am Mittwoch an, allen impfwilligen Bürgern bis November ein Angebot zu machen. Bis lang haben erst elf Prozent aller Japaner zumindest eine Impfung erhalten - der niedrigste Wert aller Industrienationen.