Krankenschwestern reihen sich in einem großen Impfzentrum in Tokio auf | EPA

Corona-Krise Japans später Impf-Spurt

Stand: 24.11.2021 03:33 Uhr

Japan hat inzwischen eine hohe Impfquote, nachdem es im internationalen Vergleich lange schlecht da stand. Angesichts niedriger Infektionszahlen sprechen manche Wissenschaftler schon vom Ende der Delta-Variante.

Von Ulrich Mendgen, ARD-Studio Tokio

Lange hatte sich die japanische Regierung vor entschiedenen Maßnahmen gegen Covid-19 gedrückt. Den Impfstart in Europa verschlief sie sogar ganz. Hinzu kam die Skepsis in der Bevölkerung. Und dann war auch noch der Impfstoff knapp. Im Frühjahr schien es aussichtslos, in absehbarer Zeit einen Termin zu bekommen: "Wir fragten uns, ob es vor Weihnachten noch dazu kommen wird", erinnert sich der BBC-Korrespondent Rupert Wingfield-Hayes.

Unheilvolle Erwartungen bestimmten das Bild. Viele Einheimische fürchteten sich vor den Olympischen Spielen im Sommer und der Einreise von vermeintlich Tausenden Infizierter. Rückblickend scheint aber ausgerechnet Olympia zur Wende beigetragen zu haben.

In Erwartung einer kommenden Infektionswelle änderten Einheimische ihre Meinung und entschieden sich für die Spritze. Am Ende war der japanische Impf-Sprint die wahre Rekordleistung des olympischen Sommers 2021.

Inzwischen im G7-Vergleich auf Spitzenposition

Innerhalb eines halben Jahres wurden fast 200 Millionen Dosen verabreicht. Etwa 76 Prozent der Bevölkerung sind jetzt vollständig geimpft - knapp 100 Millionen Menschen. Die Aufholjagd katapultierte Japan von einem der hinteren internationalen Impf-Ränge auf die Spitzenposition innerhalb der G7.

Im Dezember soll auch das Boostern beginnen. Wenn dabei das alte Tempo erreicht wird, dürfte das Kapitel zügig abgeschlossen sein.

Ein Erfolg, an dem viele mitwirkten

Wie aber schaffte Japan diese logistische Meisterleistung? Verschiedene Faktoren wirkten zusammen. Das Militär wurde gerufen, um provisorische Impfzentren zu errichten. Sie empfingen in Spitzenzeiten mehr als eine Million Besucher täglich. Große japanische Unternehmen boten ihren Beschäftigten die Injektion an. Städte und Gemeinden ließen sich einiges einfallen, um auch die jungen Impfmuffel an den Start zu bekommen.

In Kyoto, der alten Kaiserstadt, die vor Corona unzählige Touristen anlockte, diente ein beliebtes Manga-Museum als Ansporn: Die Spitze wurde gleich im Museum gesetzt, Impflinge erhielten freien Eintritt und durften bis zum Abend bleiben. Die ersten Termine waren hier schnell ausgebucht.

Auch die Geschäftswelt hat den Wert der Impfungen für sich entdeckt. Es winken unzählige Rabatte, Gutscheine und Verlosungen für Geimpfte. Mehr als 250.000 Kunden haben sich allein bei "Tokyo Vaction" angemeldet - einer Plattform von Firmen mit vielerlei Sonderangeboten für alle, die ihren Impfnachweis hochladen.

Dramatische Nachrichten wirkten - und eine Vermutung

Entscheidend für den Impferfolg aber waren wohl andere Aspekte. Die schlechten Nachrichten über hohe Sterberaten in anderen Ländern beeindruckten vor allem die vielen Älteren in Japan. Kurioserweise scheint gerade die Knappheit des Impfstoffs bei Ihnen zum Umdenken beigetragen zu haben. Verkürzt zusammengefasst: Etwas, das überall auf der Welt begehrt ist, kann nicht schlecht sein.

Begünstigt wurde die Impfkampagne in Japan auch von einer politischen Kultur, in der Konsens einen hohen Wert hat. Anders als in Deutschland war die Impfung nicht Gegenstand hitziger politischer Diskussionen. Stattdessen kam ein Gruppendruck auf, verbunden mit Furcht vor Ausgrenzung. Viele wollten mit dem Impfnachweis zeigen, dass man sie nicht meiden muss.

Maßnahmen, die in anderen Ländern weniger akzeptiert werden, gehörten in Japan schon vor Beginn der Pandemie zum Alltag: Eine Maskenpflicht musste nicht verordnet werden, denn das Tragen von Mund-Nasen-Schutz ist ohnehin weit verbreitet, auch als Geste des Respekts gegenüber anderen. Social Distancing ist der japanischen Kultur ebenfalls nicht fremd.

Menschen mit Mund-Nasen-Masken laufen durch eine Bahnstation in Tokio. | AP

Die Maske gehört in Japan ganz selbstverständlich weiter zum Alltag dazu - wie hier in einer Tokioter Bahnstation. Bild: AP

Delta-Variante überwunden?

Mitte November betrug die Zahl der täglichen Neuinfizierten in ganz Japan weniger als 80 - bei einer Gesamtbevölkerung von 126 Millionen Menschen. Angesichts dieses niedrigen Niveaus fragen sich einige Wissenschaftler bereits, ob die Delta-Variante im Inselreich auf dem Rückzug sei.

Professor Ituro Inoue vom Nationalen Institut für Genetik in Tokio vertritt die These, das Virus habe hier im Zuge von Mutationen seine Ansteckungsgefahr verloren. Inoue äußerte gegenüber der Zeitung "Japan Times" die Vermutung, die Delta-Variante des Erregers sei in Japan "auf dem Weg zur Selbstauslöschung".

Vor allzu großem Optimismus warnt hingegen der als "Drosten von Japan" bezeichnete Epidemiologe Kenji Shibuya. Auch Japan müsse im Winter wieder mit zunehmenden Infektionen rechnen, sagte er im Interview mit dem deutschen Magazin "Wirtschaftswoche". Das Auf und Ab der Infektionen sei normal. Er sehe keinen Beleg für einen dauerhaften Sieg Japans über das Coronavirus.

Die Defizite des Gesundheitssystems

Viele Familien in Japan können die Freude über den Impferfolg ohnehin nicht teilen. Die Hinterbliebenen verstorbener Corona-Kranker prangern heute öffentlich an, wie schlecht das japanische Gesundheitssystem in der Pandemie aufgestellt sei. Zwar gibt es in Japan viele Krankenhausbetten, aber vergleichsweise wenige Intensivplätze. Ein Plan der Regierung sieht vor, die Zahl der Klinikbetten für Corona-Patienten auf rund 40.000 zu erhöhen..

Auf dem Höhepunkt der letzten Welle lag der Bedarf jedoch um ein Vielfaches höher. Die Folge des Mangels: Infizierte wurden häufig abgewiesen und in häuslicher Isolation sich selbst überlassen. Hunderte dieser Kranken starben später ohne medizinische Betreuung. Für sie kommt der Impferfolg ihres Landes zu spät.