Vorbereitung für den Tunnelbau in Fukushima | AP

Fukushima Kühlwasser soll über Tunnel ins Meer fließen

Stand: 20.12.2021 08:52 Uhr

Ein Tunnel in zwölf Metern Tiefe, rund einen Kilometer lang: Damit sollen gut eine Million Tonnen verstrahltes Kühlwasser aus dem havarierten Atomkraftwerk ins Meer abgelassen werden. Fischer sind in Sorge.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Nicht nur der Hauptsitz vom japanischen Atomkraftbetreiber Tepco mitten in Tokio ist mit Sperren gut gesichert - auch Teruaki Kobayashi, der für die Pressearbeit rund um den Rückbau des ehemaligen AKW in Fukushima zuständig ist: Sechs Mitarbeiter schirmen ihn ab, Visitenkarten dürfen nicht direkt übergeben werden. Das Interview gibt Kobayashi mit Maske aus drei Metern Entfernung, getrennt durch zwei Plexiglasscheiben.

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

"Jetzt wird gebohrt"

Zum bevorstehenden Tunnelbau sagt er: "Jetzt wird gebohrt und der Meeresboden erkundet", denn die ein Kilometer lange Pipeline soll in zwölf Metern Tiefe entstehen. Der Tunnel wird unterhalb des Meeresbodens verlaufen, damit er bei einem Erdbeben oder einem Tsunami und durch die Strömung nicht beschädigt wird.

Das klingt für einen Laien kompliziert, sei es jedoch nicht. Die Herausforderungen liegen woanders, sagt er dem ARD-Studio Tokio: "Technisch ist der Tunnel kein Problem, aber in der Bevölkerung gibt es noch Widerstand gegen die Bohrungen. Wir sind gerade dabei, detailliert über den Bau aufzuklären."

Fischer befürchten eine Verseuchung

Und Tepco ist offenbar zugleich dabei, Fakten zu schaffen. Denn der Konzern baut bereits an einer Halle, in der das dann hoffentlich gereinigte Kühlwasser zunächst mit dem aus dem Meer vermischt und verdünnt werden soll, bevor es in den Tunnel geleitet wird. Die lokale Fischereiindustrie und die Anwohner befürchten vor allem einen erneuten Imageschaden für Waren aus Fukushima - für mögliche Einnahmeausfälle will dann jedoch der Staat einspringen.

Weil das Wasser aus der Pipeline einen Kilometer von der Küste entfernt ins Meer abgelassen wird, werde es durch die Strömung nicht zur Küste zurückfließen, verspricht der Unternehmenssprecher. Das habe man alles durchgerechnet.

Deutlich weniger Tritium im Wasser

Kobayashi ist es wichtig zu betonen: Ähnlich wie bei den Lebensmitteln hat sich Japan beim Kühlwasser hohe Ziele gesetzt. Bis zum Einleiten soll nur noch ganz wenig Tritium, das schwer herauszufiltern ist, enthalten sein. "Der weltweite Standard für die Belastung des Wassers mit Tritium liegt bei 60.000 Becquerel pro Liter. Aber unseres wird nur 1500 Becquerel pro Liter haben. Das soll unser Standard sein."

Das Einleiten des Wassers aus Fukushima ab 2023 selbst will nicht nur Tepco allein kontrollieren. "Ein unabhängiges Institut wird das Wasser analysieren, um ein hohes Maß an Transparenz zu gewährleisten. Die Regierung will auch noch weitere Maßnahmen ergreifen, aber welche das sein werden, ist noch offen."

Viel Vertrauen verspielt

Welche Kosten auf den Atomkraftbetreiber durch den Tunnel und alles, was damit zusammenhängt, zukommen, will oder kann Kobayashi nicht beziffern. Der Atomkraftbetreiber hatte in der Vergangenheit viel Vertrauen verspielt, vor allem, weil das Kühlwasser nicht so gereinigt worden war wie behauptet. 

Obwohl tritiumhaltiges Wasser weltweit aus Atomkraftwerken ins Meer geleitet wird, üben vor allem China und Südkorea Kritik an den Plänen. "Es ist schwierig für uns, dies unseren Nachbarn direkt zu erklären. Es stellt sich auch die Frage, ob sie uns als dem Unternehmen, das den Atomunfall verursacht hat, vertrauen werden. Ich denke, es ist wichtig, Informationen mit Hilfe der Regierung und anderen Institutionen zu transportieren."

Projekt dauert 40 Jahre

Eine schnelle Nummer wird das Ganze ohnehin nicht. Bis alles Kühlwasser ins Meer abgelassen sein wird, werden bis zu 40 Jahre vergehen. Für den Atomkraftbetreiber ist dies jedoch nur eine von mehreren Baustellen. Die vielleicht noch größere steht im Frühjahr 2022 an: Bis zum Ende des Jahres sollen mit Hilfe eines Roboterarmes aus Großbritannien erstmals Proben der Kernschmelzmasse aus dem Reaktor 2 entnommen werden. "Die werden dann analysiert und dann wird geklärt, was wann und wie tatsächlich rausgenommen werden kann", so Kobayashi.

Der Weg zum endgültigen Rückbau ist noch ein langer und teurer.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. April 2021 um 11:53 Uhr.