Die Karte zeigt Saudi-Arabien und Israel mit Tel Aviv und Jerusalem

Israel und Saudi-Arabien Vor einer neuen Nahost-Allianz?

Stand: 12.07.2022 10:06 Uhr

Jahrzehntelang standen sich die arabische Welt und Israel feindlich gegenüber. Nun stellt Israel eine Annäherung an Saudi-Arabien in Aussicht. Grund ist ein gemeinsamer Gegner - und ein Biden-Besuch.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Die Erwartungen in Israel an die Reise des US-Präsidenten in die Region sind hoch und sie wurden geschürt. Sowohl Israels aktueller Übergangspremier Jair Lapid als auch dessen Vorgänger Naftali Bennett stellten in den vergangenen Wochen eine weitere Annäherung Israels an arabische Staaten in Aussicht.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Konkret gemeint ist Saudi-Arabien. Zu einer offiziellen Aufnahme diplomatischer Beziehungen ist die Führung in Riad zwar noch nicht bereit, glauben die meisten Experten in Israel, aber zu einer militärischen Kooperation vielleicht schon.

Das deutete auch der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz an: "Wir erweitern unsere Partnerschaft in der Region um zusätzliche Staaten, um Sicherheit und Stabilität im Mittleren Osten zu gewährleisten - unter anderem durch Luftabwehr", sagte er.

Sorge vor iranischen Angriffen

Der Kitt dieser Partnerschaft ist die gemeinsame Sorge vor Angriffen aus dem Iran. Unter Führung der US-Armee könnten Israel, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Jordanien und Ägypten ein gemeinsames Frühwarnsystem zur Luftabwehr aufbauen.

Eine solche Zusammenarbeit hält auch Sima Shine, Iran-Expertin des israelischen Instituts für nationale Sicherheitsstudien, für wahrscheinlich. "Es ist ein Schritt mehr in Richtung einer regionalen Verteidigungskooperation gegen Bedrohungen durch feindliche Raketen oder Drohnen", sagt sie. "Diese Zusammenarbeit ist im gemeinsamen Interesse von Israel und den betreffenden Staaten und eine sehr positive Entwicklung hin zu mehr Stabilität und Sicherheit in der Region."

Die Kooperation würde im Austausch von Informationen bestehen und wäre weit entfernt von einer gegenseitigen Beistandsverpflichtung gegen Angriffe, glaubt der Politikwissenschaftler und ehemalige stellvertretende israelische nationale Sicherheitsberater Chuck Freilich.

"Es gibt Gerede über eine Nahost-NATO, über einen Vertrag, einen Pakt. Das sind alles viel zu starke Begriffe", meint er. "Dass wir überhaupt über eine informelle Allianz zwischen Ländern sprechen können, etwas, das arabischen Staaten untereinander bisher nicht gelungen ist und sie nun mit Israel bilden wollen, ist ein dramatischer historischer Wandel in der Region."

Hoffnung auf Luftraum-Öffnung

Auf seiner Nahost-Reise wird der US-Präsident Joe Biden in Israel voraussichtlich auch einen Luftwaffenstützpunkt besuchen. Dort könnte die Kooperation zwischen Israel und arabischen Staaten bei der Abwehr von Bedrohungen aus dem Iran thematisiert werden.

Auf israelischer Seite hofft man auf zusätzliche US-Militärhilfe zum Beispiel für die Raketenabwehr und auf US-Regierungsaufträge für israelische Rüstungshersteller. Diese Branche verbindet auch mit einer Annäherung an Saudi-Arabien Hoffnungen auf umfangreiche Aufträge.

Vor Kurzem sei das noch undenkbar gewesen, sagt Freilich und erinnert sich an seine Zeit als Diplomat: "Wenn man in einen Konferenzraum der Vereinten Nationen kam und arabische Diplomaten wussten, dass man Israeli ist, wandten sie sich entweder um oder verließen den Raum." Mehr als 70 Jahre lang sei Saudi-Arabien ein feindlicher Staat gewesen, die gesamte arabische Welt habe Israel komplett boykottiert. Diese Zeiten scheinen vorbei. Biden wird im Anschluss seines Israel-Besuchs direkt nach Saudi-Arabien weiterfliegen.

In Israel hofft man, dass der Flug als Gelegenheit genutzt wird, um zu verkünden, dass Saudi-Arabien seinen Luftraum komplett für den zivilen Flugverkehr israelischer Gesellschaften öffnet. Das würde Reisen zu Zielen im Fernen Osten um mehrere Stunden verkürzen, wäre für viele Israelis eine wichtige Nachricht und für die aktuelle Regierung ein Erfolg - nur wenige Monate vor den nächsten Wahlen.