Menschen stehen in einem Wahllokal wartend in einer Schlange | REUTERS

Lapid gegen Netanyahu Knappes Rennen in Israel erwartet

Stand: 01.11.2022 14:15 Uhr

In Israel wird heute zum fünften Mal binnen dreieinhalb Jahren gewählt. Kehrt Netanyahu an die Macht zurück oder bleibt Lapid Regierungschef? Es scheint knapp zu werden, denn in den Umfragen bekam keiner eine klare Mehrheit.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Ein Video, das Israels nationalkonservative Likud-Partei heute veröffentlichte, zeigt einen 18 Jahre alten Erstwähler, dessen Tag mit einer Überraschung beginnt: Oren, so heißt der junge Mann, lag noch im Bett und schlief, als er auf einmal wenig sensibel geweckt wurde. "Wach auf", sagte eine ältere Männerstimme in dem Werbespot. Oren öffnete die Augen und sah: Benjamin Netanyahu.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

"Oren, das ist kein Traum. Steh auf. Es ist wichtig, dass du wählen gehst. Wir werden - so Gott will - gewinnen, aber wenn du nicht wählen gehst, verlieren wir." Schlaftrunken versichert Oren, auf jeden Fall Netanyahu zu wählen. Der ist zufrieden und zieht ab.

Bibi hofft auf Rückkehr an die Macht

Rund eineinhalb Jahre war Benjamin Netanyahu, Spitzname Bibi, nun in der Opposition und vielleicht wird er diese ungeliebte Rolle bald los. Der 73-Jährige darf als Spitzenkandidat seiner nationalkonservativen Likud-Partei auf eine Rückkehr an die Macht hoffen - unterstützt von zwei streng-religiösen jüdischen Parteien und dem ultrarechten Wahlbündnis "Religiöser Zionismus" um Itamar Ben Gvir. Seine Liste könnte viert- oder sogar drittstärkste Kraft werden.

Ben Gvir gab sich bei der Stimmabgabe siegesgewiss: "Wer uns wählt, bekommt Netanyahu als Premierminister und dazu eine ausschließlich rechte Regierung. Unser Ziel ist eine Koalition, die nur teilweise aus rechten Kräften besteht, zu verhindern."

Ben Gvir: rassistische Hetze und vorbestraft

Ben Gvir fällt immer wieder durch anti-arabische, teils rassistische Hetze auf. Er ist mehrfach vorbestraft, unter anderem wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. In einem Kabinett Netanyahu beansprucht Ben Gvir den Posten des Ministers für Innere Sicherheit.

Einer Wählerin in Jerusalem macht das Angst: "Ich mache mir Sorgen wegen des Wahlausgangs. Es könnte eine rechte Regierung mit Bibi und Ben Gvir geben und das wäre richtig schlecht für das Land. Davor habe ich wirklich Angst."

Lapid möchte weiter regieren

Israels aktueller Premier Yair Lapid wählte am Morgen in Tel Aviv. Der 58-Jährige ist erst seit Juli im Amt und möchte, gestützt auf ein Anti-Netanyahu-Bündnis aus Kräften aus nahezu allen politischen Lagern - gern weiter regieren und ein politisches Comeback Netanyahus unbedingt verhindern.

Lapids Zukunftspartei wird voraussichtlich zweitstärkste Kraft hinter Netanyahus Likud. Lapid erklärte nach der Stimmabgabe: "Diese Wahlen sind der Übergang von der Vergangenheit in die Zukunft. Geht heute wählen, für die Zukunft unserer Kinder und für die Zukunft unseres Staates. Wählt gut. Viel Erfolg uns Allen."

Lapid hinter einem blauen Sichtschutz währen der Wahl in Israel | AFP

Israels aktueller Premier Yair Lapid wählte am Morgen in Tel Aviv. Der 58-Jährige ist erst seit Juli im Amt. Bild: AFP

Rechts oder links?

Netanyahu oder Lapid? Rechts oder links? Das ist auch vor dieser Wahl - der fünften in nur dreieinhalb Jahren - die Ausgangslage.

Man ist entweder für Netanyahu - so wie ein Mann in Jerusalem: "Meine Familie und ich wählen schon immer Likud. Wir freuen uns über diese Wahlen und die große Chance für Netanyahu. Unsere Stimmen bekommt nur Bibi Netanyahu."

Oder man hält den Ex-Regierungschef, der wegen Korruption vor Gericht steht, für unwählbar, so wie eine Passantin: "Ich will weder seinen Namen hören, noch überhaupt an ihn denken. Ich will eine Erneuerung, jemand anderen. Nicht immer nur Bibi, Bibi, Bibi."

Politisches Patt ist möglich

Auch diese Wahl könnte ein politisches Patt ergeben. In den Umfragen kommen weder Netanyahu und seine Verbündeten noch Lapid und dessen politische Partner auf eine klare Mehrheit in der Knesset, dem israelischen Parlament.

Mehrere kleine Parteien könnten an der 3,25-Prozent-Hürde scheitern und den Parlamentseinzug verpassen. Betroffen sind hier vor allem Parteien des linken Lagers und der arabischen Minderheit. Kommen sie nicht ins Parlament, könnte davon das Netanyahu-Lager profitieren.