Protest in Teheran (Archiv) | AP

Proteste im Iran General räumt erstmals hohe Opferzahl ein

Stand: 29.11.2022 13:04 Uhr

Erstmals haben im Iran auch die Revolutionsgarden Hunderte Tote bei den anhaltenden Protesten im Land bestätigt. Menschenrechtler sprechen jedoch von höheren Todeszahlen. Der inhaftierte Ex-Nationalspieler Ghafouri kam unterdessen frei.

Erstmals hat ein iranischer General im Zusammenhang mit den anhaltenden systemkritischen Protesten in dem Land von vielen Todesopfern gesprochen. General Amir-Ali Hadschisadeh, der Kommandeur der Luft- und Raumfahrtabteilung der iranischen Revolutionsgarden (IRGC), sprach in einer Rede von mindestens 300 Toten, wie ein Video des Onlineportals Tabnak zeigte.

"Ich kenne die aktuellen Statistiken nicht, aber ich denke, dass seit diesem Vorfall (...) mehr als 300 Märtyrer und Menschen in diesem Land getötet worden sind, darunter Kinder", so Hadschisadeh. Mit den erwähnten Märtyrern sind getötete Sicherheitskräfte und Polizisten gemeint.

Die Revolutionsgarden sind im Iran die Eliteeinheit der Streitkräfte und wichtiger als das klassische Militär. Hadschisadeh machte erneut Irans Feinde für die Proteste verantwortlich. Neben den USA nannte er auch Deutschland und Frankreich. Bereits in den vergangenen Wochen hatten Militär und Politik die Schuld auf das Ausland geschoben. Beobachter sehen darin den Versuch, von den eigentlichen Ursachen der Proteste abzulenken.

Aktivisten: Mehr als 400 Tote bei Protesten

Die Angaben von Aktivisten unterscheiden sich deutlich zu den Äußerungen von Hadschisadeh. Laut der Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHR) sind bei der Niederschlagung der Proteste bisher insgesamt mindestens 416 Menschen getötet worden, davon 126 in der Provinz Sistan-Balutschistan und 48 in Kurdistan.

Die in den USA ansässige Organisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) ging in einer jüngsten Schätzung von mindestens 450 getöteten Demonstranten aus, darunter sollen auch 64 Kinder sein. Außerdem sollen 60 Sicherheitskräfte ums Leben gekommen sein.

UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk spricht von mehr als 300 Todesopfern und 14.000 Festnahmen seit Beginn der Proteste, Menschenrechtler gehen von rund 18.000 Festnahmen aus.

Ex-Nationalspieler Ghafouri gegen Kaution freigelassen

Der ehemalige iranische Fußball-Nationalspieler Voria Ghafouri wurde unterdessen gegen Kaution freigelassen. Er habe nach der Kautionshinterlegung das Ewin Gefängnis in Teheran verlassen, schrieb die iranische Justizbehörde auf ihrem Webportal Mizan.

Ghafouri war wegen Vorwürfen der Propaganda gegen das politische System sowie Beleidigung der Nationalmannschaft verhaftet worden. Bei den jüngsten Protesten hatte sich Ghafouri deutlich hinter die Demonstranten gestellt und mehrmals die brutalen Einsätze der Polizei- und Sicherheitskräfte verurteilt. Der iranische Kurde gehört seit Jahren zu den Kritikern des islamischen Systems, insbesondere im Kontext der Diskriminierung von Frauen.

Für die Nationalmannschaft, die derzeit bei der WM in Katar weilt, wurde Ghafouri wegen seiner politischen Einstellung nicht mehr nominiert, obwohl er immer noch zu den besten Außenverteidigern des Landes gehört.

Aufruf in Berlin zu Solidarität mit Protesten

Bei einer Veranstaltung im Berliner Ensemble anlässlich der Proteste im Iran verurteilten verschiedene Künstlerinnen den repressiven Kurs der iranischen Regierung. Schauspielerin Iris Berben rief dazu auf, Solidarität mit den protestierenden Menschen im Iran zu zeigen. "Haltung oder auch Solidarität kann man nicht einfordern oder verordnen, man muss sie leben. Solidarität darf nicht da aufhören, wo sie unsere Bequemlichkeit stört", sagte Berben.

Die Idee für den Abend mit dem Titel "Frau Leben Freiheit" war laut Theaterangaben den deutsch-iranischen Schauspielerinnen Melika Foroutan, Sarah Sandeh und Jasmin Tabatabai gekommen. "Diese Proteste bringen uns das Land zurück und die Menschen. Wir sind voller Bewunderung für den Mut und die Kraft der Protestierenden in Iran", sagte Sandeh. "Möge ihr Mut, ihr Widerstand, ihre Solidarität ein Beispiel für uns alle sein."

In der rund dreistündigen Veranstaltung hatten auch Schauspielerinnen wie Meret Becker und Katja Riemann die iranische Regierung verurteilt und Texte aus dem Iran und über das Land vorgelesen. Dazu gab es Musik und ein Bühnengespräch. Der Erlös des Abends sollte zwei Hilfsorganisationen zugute kommen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. November 2022 um 10:23 Uhr.