Soldaten marschieren anlässlich des 75. Jahrestags der Unabhängigkeit Indiens in Gauhati. | AP

75 Jahre Unabhängigkeit Indiens Rasanter Aufstieg, alte Rivalitäten

Stand: 15.08.2022 16:57 Uhr

Vor 75 Jahren wurden Indien und Pakistan zu unabhängigen Staaten. Das demnächst bevölkerungsreichste Land der Erde entwickelte sich danach rasant - doch bis heute können große Teile der Bevölkerung nicht daran teilhaben.

Von Sebastian Manz, ARD-Studio Neu-Delhi

Eine Trägerrakete bringt Satelliten in ihre Umlaufbahn - längst ein routinierter Vorgang für die staatliche indische Raumfahrt-Organisation. Indien hat sich manchen Bereichen zum High-Tech-Standort entwickelt. Die Wirtschaft des Landes ist eine der weltweit am schnellsten wachsenden.

Als der von der britischen Kolonialmacht eingesetzte Vizekönig Louis Mountbatten vor 75 Jahren die Unabhängigkeit Indiens bekannt gab, war schnell klar, dass das riesige Land sich politisch und wirtschaftlich eher nicht am angelsächsischen Kapitalismus orientieren würde.

Der indische Historiker Anirudh Deshpande von der Universität Delhi beschreibt den vorsichtigen Kurs, den das Land zunächst einschlug: "Es war nicht wirklich Sozialismus, man wollte die Extreme vermeiden - sowohl die des Kapitalismus als auch die des Kommunismus."

Indiens IT - ein Milliardenbusiness

Das Land schottete sich zunächst weitgehend vom Weltmarkt ab. Indiens Industrie entwickelte sich nur vergleichsweise schwach. Der riesige Dienstleistungssektor und die Landwirtschaft reichten allerdings nicht für große Entwicklungsschübe. Und so entschloss sich die indische Regierung schließlich in den 1990er-Jahren, das Land deutlich stärker für den Weltmarkt zu öffnen.

"Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Öffnung ihre Vorteile hatte", sagt Historiker Anirudh Deshpande heute. "Wir hatten eine regelrechte Revolution in Sachen Telekommunikation und wir haben uns in Sachen Software ziemlich gut entwickelt."

Indische IT-Dienstleistungen werden heute in alle Welt exportiert - ein Milliardengeschäft. Das Land hat rechtzeitig Millionen junger Menschen in diesem Bereich ausgebildet. Immer mehr Inderinnen und Inder schaffen den Sprung aus der Armut.

Immer höhere Militärausgaben

Doch ein abendlicher Blick auf die Gehsteige Neu-Delhis zeigt auch, wie eklatant die sozialen Probleme trotz des Booms noch sind: Auf einfachen Strohmatten übernachten hier dicht an dicht Tagelöhner. An Hunderten von Millionen Inderinnen und Indern geht der Aufschwung vorbei.

Wer mehr als 300 Euro im Monat verdient, gehöre zu den reichsten zehn Prozent im Land, erinnert Deshpande: "Sie können sich vorstellen, wieviel diejenigen verdienen, die sich am anderen Ende der Skala befinden."

Händeschütteln indischer und pakistanischer Grenzwachen an der gemeinsamen Grenze. | AFP

Händeschütteln an der pakistanisch-indischen Grenze: Pakistan begeht seinen Unabhängigkeitstag einen Tag vor Indien, am 14. August. Hinter den versöhnlichen Gesten schwelen ungebrochen alte Rivalitäten. Bild: AFP

Blick auf China und Pakistan

Trotzdem strebt Indien nach einer einflussreicheren Rolle in der Welt. Immer höhere Militärausgaben sollen dem Land seine Souveränität gegenüber dem mächtigen Nachbarn China und dem Erzrivalen Pakistan sichern.

Ein Irrweg, glaubt Historiker Deshpande. Der Militäretat Indiens betrage ein Vielfaches dessen, was das Land für Bildung oder Gesundheit ausgebe: "Das bedeutet doch, dass man lieber Kanonen als Butter anschafft. Das ist Ressourcenverschwendung. Das bringt dem Land herzlich wenig."

Indien hat in seinen 75 unabhängigen Jahren ohne Zweifel beachtliche Entwicklungen hingelegt. Große Teile seiner Bevölkerung warten allerdings immer noch darauf, an diesen Erfolgen auch teilzuhaben.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. August 2022 um 14:15 Uhr.