Soldaten bewachen das Taj Mahal in Agra (Indien) in der Dämmerung | AFP

Indien Städte umbenennen, Vergangenheit tilgen

Stand: 08.08.2021 13:01 Uhr

Indiens Städtenamen stehen für die wechselvolle Geschichte des Landes. Der nationalistischen Regierung missfallen vor allem Namen, die auf die Herrschaft der Muslime im Mittelalter zurückgehen. Das will sie ändern.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Südasien

Es ist der zentrale Platz von Delhi: ein Ring aus Kolonnaden mit vielen Geschäften - das Wirtschafts- und Finanzzentrum der indischen Hauptstadt, mit den teuersten Ladenmieten. Eigentlich heißt der Platz seit 2013 "Rajiv Chowk", benannt nach dem ehemaligen Premierminister Rajiv Gandhi. Doch die meisten kennen nur einen Namen: "Connaught Place" oder einfach nur C-P, benannt nach dem Herzog von Connaught, dem dritten Sohn von Queen Victoria.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Und genau das war lange ein Grund, dass in Indien Straßen, Plätze und ganze Städte umbenannt wurden: Man wollte das koloniale Erbe abschütteln. Kalkutta wurde zu Kolkata, Madras zu Chennai, Bangalore zu Bengaluru.

Doch wenn heutzutage ein Ort umbenannt werden soll, dann gehe es meist nicht um die Briten, sagt der Soziologe Hilal Ahmed. Er verweist auf das Buch eines bekannten Wissenschaftlers, in dem es heißt, die muslimische Herrschaft sei gefährlicher gewesen als die britische, die eher akzeptiert werde: "Die Herrschaft der Muslime wird als Bruch in der Geschichte Indiens gesehen", sagt Ahmed. "Und wenn man diese Vergangenheit entferne, dann wird alles bruchlos und glatt."

Muslims verlassen eine Moschee in Ahmadabad (Indien) | REUTERS

170 Millionen Muslims leben in Indien - wie sie das Land in der Vergangenheit prägten, möchte die Regierung möglichst klein halten. Bild: REUTERS

"Stolz und Tradition"

Muslimische Geschichte aus Ortsnamen zu tilgen - das ist tatsächlich ein Ziel der Hindunationalisten von Ministerpräsident Narendra Modi. Vor drei Jahren wurde Allahabad umbenannt in Prayagraj. Dazu äußerte sich damals der Ministerpräsident des Bundesstaates Uttar Pradesh, wo diese Millionenstadt liegt. Yogi Adityanath, ein Vertreter der Modi-Partei BJP, sagte damals, Namen hätten eine Bedeutung, und Städtenamen seien immer "mit Stolz und unserer Tradition verbunden".

Der Buchhändler Ram Naresh findet die Umbenennung richtig. Prayagraj sei die Stadt der Heiligen und Gurus. Der heilige Fluss Ganges fließe dort, die Stadt sei eine hinduistische Pilgerstätte. Der Name klinge gut.

Hindus nehmen ein rituelles Bad am Zusammenfluss von Ganges und Yamuna in Prayagraj (Indien) | dpa

In Prayagraj fließen Ganges und Yamuna zusammen - für Hindus ein bedeutender Pilgerort. Bild: dpa

Weitere Städte sollen folgen

Die Partei BJP hat noch weitere Städte auf ihrer Wunschliste - darunter Agra, wo das Taj Mahal steht, und Hyderabad. Ihr wird eine Politik vorgeworfen, die religiöse Minderheiten ausgrenzt: allen voran die Muslime Indiens, 170 Millionen Menschen. Und diese Ausgrenzung geschehe eben auch durch die Umbenennungen, sagt Professor Ahmed: "Es geht dabei auch darum, die Geschichte umzuschreiben. Und dazu gehört, dass man das mittelalterliche Indien ausradiert. Denn in deren Version der Geschichte ist diese Zeit mit muslimischer Dominanz gleichgesetzt."

Doch diese Politik fruchte nicht, wie sie es eigentlich sollte, meint der Soziologe. Die oft heftigen öffentlichen Diskussionen über Namensänderungen geben ihm recht: Modis Hindunationalisten wollten Indien spalten. Das aber gelinge ihnen nicht.

Ob man jetzt Städtenamen ändere oder nicht, die Menschen würden dennoch in friedlicher Koexistenz leben. Hier, so Ahmed, sei die hindunationalistische Ideologie gescheitert: "Trotz dieser Polarisierung ist es ihnen nicht gelungen, die Hindus in diesem Land davon zu überzeugen, dass Indien nur ihnen gehört."

 

Über dieses Thema berichtete SWR2 im Hörfunk am 03. August 2021 um 18:40 Uhr.