Indiens Premier Modi | EPA

Indiens neuer Tempelbezirk Modis One-Man-Show am heiligen Fluss

Stand: 14.12.2021 13:13 Uhr

In Rekordzeit hat Premier Modi einen Tempelbezirk im größten indischen Bundesstaat Uttar Pradesh errichten lassen. Kurz vor den Wahlen ist Modi nun gekommen, um ihn einzuweihen - für die Muslime im Land ein Affront.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Menschen jubeln dem Premierminister zu. Doch der Politiker Narendra Modi beginnt seine Rede eher wie ein Priester. "Überall ist Lord Shiva, Sieg der Mutter Annapurna, Sieg der Mutter Ganga" - mit religiösen Formeln beginnt die Rede des Premierministers hier in Varanasi am heiligen Fluss Ganges.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Innerhalb von zweieinhalb Jahren hat Modi einen neuen Tempelbezirk errichten lassen - um den bedeutenden alten Kashi-Vishvanath-Tempel herum. Hohe Mauern, weite Höfe - und ein Korridor vom Ganges hoch zum Tempel.

"In unseren heiligen Schriften heißt es, dass man von allen Fesseln befreit wird, sobald man Kashi betritt", so Modi weiter. "Der Segen von Lord Vishweshwara, eine übernatürliche Energie, erweckt unsere innere Seele, sobald wir hierherkommen."

Tempelbezirk im Wahlkreis Modis

Umgerechnet 40 Millionen Euro hat das religiöse Bauwerk gekostet. Bis zu 70.000 gläubige Hindus pro Tag können nun zunächst ihr rituelles Bad im Ganges vollziehen und dann am Kashi-Tempel beten.

Varanasi ist der Wahlbezirk von Premier Modi. Hier finden voraussichtlich im Februar und März die Wahlen zum Landesparlament von Uttar Pradesh statt, dem mit 200 Millionen Einwohnern größten indischen Bundesstaat, den Modis hindu-nationalistische Partei BJP schon bisher regiert.

Der Kashi-Vishwanath-Tempel ist von einem neu errichteten Gebäude aus zu sehen.  | picture alliance / ASSOCIATED PR

Innerhalb von zweieinhalb Jahren hat Modi einen neuen Tempelbezirk errichten lassen. Bild: picture alliance / ASSOCIATED PR

Für Muslime ein Signal der Ausgrenzung

Ein Premier, der einen Hindu-Tempel mit religiösem Pomp eröffnet, das ist für die 40 Millionen Muslime in Uttar Pradesh ein Signal der Ausgrenzung. Wenn Modi über die muslimischen Herrscher in Indiens Geschichte spricht, befürchten sie, er meint auch die Gegenwart.

Die Invasoren haben diese Stadt angegriffen und versucht, sie zu zerstören, so Modi weiter in seiner Rede. Die Geschichte der Grausamkeiten des Herrschers Aurangzeb und seines Terrors sei Zeugnis davon. Er habe versucht, die Zivilisation mit dem Schwert zu verändern, die Kultur mit Fanatismus zu zerstören. Aber der Boden dieses Landes sei anders als der Rest der Welt.

Spaltung statt Harmonie?

Die Politik von Modis Lager verheiße für die heilige Stadt Varanasi nichts Gutes, so der Dozent Amitabh Bhattacharya von der örtlichen Universität BHU Varanasi. Hindus und Muslime hätten über lange Zeit in großer Harmonie miteinander gelebt. Diese wunderschöne Harmonie oder Lebensart sei auf gewisse Weise gestört, bedroht oder zumindest geschwächt, so Bhattacharya.

Die Eröffnung des neuen Kashi-Tempelbezirks durch den indischen Regierungschef sehen nicht nur Muslime als Affront, sondern auch liberale Hindus wie Amitabh Bhattacharya.

"Intoleranz ist kein Bestandteil der Kultur"

Wenn es religiöser Hass sei, so Bhattacharya, dann sei es eine Gefahr für die Kultur dieser Stadt. Denn diese Stadt sei im Grunde eine Stadt des Friedens. Und es sei die Stadt der Toleranz. Intoleranz sei kein Bestandteil der Kultur von Varanasi.

Und was für die Stadt gelte, gelte auch für ganz Indien, sagt Bhattacharya. Doch er habe Hoffnung, sagt er. "Auch diese politische Aggression ist eine sterbliche Realität. Diese neue Philosophie und ihre Philosophen werden auch irgendwann gehen müssen. Früher oder später. Lasst uns hoffen, dass es bald ist."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 14. Dezember 2021 um 14:24 Uhr.