In Neu-Delhi transportieren drei Männer in Schutzkleidung zwei Ambulanzliegen mit zwei in weißen Stoff eingehüllten Corona-Toten. | REUTERS

Corona-Pandemie in Indien Die übermächtige zweite Welle

Stand: 24.04.2021 12:54 Uhr

Indien kämpft gegen einen unsichtbaren Feind, dessen Folgen ein immer drastischeres Ausmaß annehmen: Die zweite Corona-Welle treibt Kliniken ans Limit, die Menschen in den Lockdown und schürt die Angst.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Angehörige vor den Krankenhäusern sind verzweifelt: Es gibt keine Betten mehr, sie wissen nicht, wo und wie sie Hilfe finden können. Drinnen teilen sich Patienten schon ein Bett, einige liegen sogar draußen im Hof auf Pritschen. Wenn sie Glück haben, erhalten sie Sauerstoff. Denn der ist gerade Mangelware an vielen Orten im Land.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

"Wie stehe ich vor Gott da, wenn meine Patienten sterben", sagt ein Klinikleiter aus Neu-Delhi im indischen Fernsehen:

Ich selber kann doch keinen Sauerstoff herstellen. Die Leute leiden, wir brauchen Sauerstoff. Wir brauchen Hilfe!

Mangelware Sauerstoff

Züge und Flugzeuge der Armee transportieren nun Tanklastwagen mit dem wichtigen Sauerstoff quer durch die Republik. Anlagen zur Sauerstoffaufbereitung sollen auch aus Deutschland geliefert werden.

Für mindestens 25 Patienten in der Ganga Ram Klinik in der Hauptstadt sind diese Bemühungen zu spät: Die Zufuhr von Sauerstoff musste aus Mangel gedrosselt werden. Das haben sie nicht überlebt. 

Strikte Ausgangssperre in Neu-Delhi

Damit sich in der Hauptstadt nicht noch mehr Menschen anstecken, hat der Regierungschef von Neu-Delhi die Notbremse gezogen: Komplette Ausgangssperre, schon seit mehr als einer Woche.

Die Seitenstraßen der Wohngebiete scheinen seitdem wie ausgestorben. Nur aus der Ferne sind die Sirenen der Krankenwagen zu hören, ansonsten: Lautes Gezwitscher, als sei man in einer Vogelvoliere.

Überall in der Stadt sind Straßenblockaden aufgestellt. Sämtliche Läden bleiben vorerst geschlossen, bis auf kleine Supermärkte, Stände mit und Obst- und Gemüse oder Apotheken.

In Mumbai fährt ein radfahrer durch die wegen der Corona-Ausgangssperre menschenleeren Straßen. | REUTERS

In indischen Metropolen wie Neu-Delhi oder hier in Mumbai herrscht eine strikte Ausgangssperre. Bild: REUTERS

"Menschen sind eben auch einfach nur Menschen"

Geöffnet bleiben aber auch die Impfzentren, etwa im Süden der Hauptstadt. Am Eingang steht ein riesiges Plakat: Darauf sind zwei Menschen abgebildet, die Schutzschilde tragen und knallrote Viren damit von sich abhalten. Daneben steht Rajender Kumar. Er wartet auf seine Frau, die ihre zweite Impfung erhalten soll. "Es war höchste Zeit für den Lockdown", sagt er:

So wie die Leute sich hier verhalten, da musste jetzt mal wieder Disziplin reingebracht werden. Und das geht nur, wenn die Regierung richtig durchgreift. Keine Ahnung ob die Menschen bei Ihnen in Deutschland diszipliniert genug sind, aber von meinen Reisen weiß ich, Menschen sind eben auch einfach nur Menschen.

Ein falsches Gefühl der Sicherheit

Und genau das sei das Problem, warum die sogenannte zweite Welle Indien nun mit voller Wucht treffe, sagt der Immunologe Narinder Mehra im Interview mit dem ARD-Studio Südasien: "Die Menschen hatten ein falsches Gefühl von Sicherheit. Keiner wollte mehr Masken tragen. Im Winter sind die Zahlen hier ja weit runtergegangen, zeitgleich gingen die Zahlen in Europa allerdings stark nach oben. Das haben wir unterschätzt. Wir waren ja schon in der ersten Welle einige Wochen hinterher."

Auch die indische Regierung hat die zweite Welle sehenden Auges auf sich zurollen lassen: Religiöse Feste, zu denen Millionen Menschen pilgern, finden weiterhin statt. Hunderttausende Leute sind außerdem zu Wahlkampfveranstaltungen eingeladen worden. Hochzeiten wurden wieder zugelassen und wurden noch mehr gefeiert als sonst, weil so viele im vergangenen Jahr abgesagt worden waren.

Dass Mutationen zusätzlich die Infektionen in die Höhe treiben würden, sei möglich, aber bislang pure Spekulation, sagt Professor Mehra. Noch lägen dazu keine stabilen Daten vor.

Noch keine konkreten Daten über Doppelmutante

Auch das Robert Koch-Institut beobachtet die sogenannte indische Doppelmutante, aber bislang sei nicht nachgewiesen, dass sie einen verstärkenden Effekt hätte. Fakt ist, dass die Infektionskurve seit vielen Tagen in Indien steil nach oben geht. Auch wenn die Inzidenzzahl in Indien niedriger ist als in vielen anderen Ländern, zum Beispiel auch als in Deutschland, kommt das viel schlechtere Gesundheitssystem schon mit den derzeitigen Fällen komplett ans Limit.

In der Hauptstadt Neu-Delhi fällt mindestens jeder dritte Test derzeit positiv aus. Daher sind viele mit der aktuellen Ausgangssperre einverstanden, auch wenn es schwerfalle, sagt Ranjana Gopalan. Sie ist gerade im Süden von Indien unterwegs, um Gemüse zu kaufen. "Dieses Mal habe ich echt große Angst", sagt sie. "Es ist anders als im letzten Jahr. Jetzt ist das Virus wirklich einfach überall. Ich höre von so vielen, die es haben - Nachbarn, auch meine Freunde."

Impf-Aufruf statt Rufzeichen am Telefon

Deshalb will die indische Regierung die Impfungen im Land so schnell wie möglich voranbringen. Bei Anrufen kommt statt einem Klingelton fast immer eine Ansage, dass man sich impfen lassen solle.

Drei bis vier Millionen Menschen am Tag erhalten schon jetzt in Indien eine Dosis. Aber weil die Bevölkerung in Indien so groß ist, haben nicht einmal zehn Prozent der Menschen eine oder bereits zwei Impfungen erhalten.

Das soll sich schnell ändern. Die Produktion im Land wird weiter hochgefahren, Exporte gestoppt. Ab Mai sollen dann alle Inderinnen und Inder ab 18 Jahren die Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen. Das wären rund 900 Millionen Menschen. Noch eine Mammut-Aufgabe, vor der Indien momentan steht.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 24. April 2021 um 12:17 Uhr.