Polizisten in Hongkong weisen mit einem Transparent auf das Verbot von Mahnwachen zum Gedanken an der Tiananmen-Massaker hin. | REUTERS

Tiananmen-Gedenken in Hongkong "Vielleicht werde ich wieder festgenommen"

Stand: 04.06.2021 19:16 Uhr

Erstmals seit vielen Jahren durfte in Hongkong nicht des Tiananmen-Massakers gedacht werden. Die Behörden hatten Mahnwachen verboten, das Polizeiaufgebot war riesig. Die Menschen versammelten sich dennoch.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, zzt. Berlin

Die Polizei hatte den Victoria Park im Zentrum von Hongkong schon am Nachmittag abgesperrt. In den letzten Jahren hatten sich dort am Abend des 4. Juni regelmäßig Zehntausende versammelt, um der Opfer von 1989 zu gedenken. Diesmal blieb der hell erleuchtete Park mit den großen Fußballfeldern leer, umstellt von Hunderten Polizisten.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

Aber in den Straßen rund um den Park waren viele Menschen unterwegs. Einige von ihnen hielten elektronische Kerzen, andere hatten die Taschenlampen ihrer Smartphones angestellt. Unter den Menschen war auch eine als Großmutter Wong bekannte Aktivistin.

Das Massaker wird totgeschwiegen

Großmutter Wong war bereits vor wenigen Tagen kurzzeitig inhaftiert worden. "Vielleicht werde ich wieder festgenommen", sagte die 65-Jährige. "Aber ich musste kommen. Der 4. Juni ist ein wichtiger Tag, um an die Studenten vor 32 Jahren zu erinnern."

In der Nacht zum 4. Juni 1989 war die Volksbefreiungsarmee in Peking mit Panzern und scharfer Munition gegen Studentinnen und Studenten vorgegangen, die seit Wochen friedlich für mehr Demokratie demonstriert hatten. Hunderte, vielleicht Tausende kamen damals ums Leben. In Festlandchina wird dieses Massaker am Platz des Himmlischen Friedens totgeschwiegen.

Hongkong war lange Zeit der einzige Ort in China, an dem öffentliches Gedenken erlaubt war. Aber seit dem Erlass des Sicherheitsgesetzes vor einem Jahr werden die Bürgerrechte auch in Hongkong immer weiter eingeschränkt.

Mindestens eine Festnahme

In einer Einkaufsstraße im Hongkonger Stadtteil Mong Kok versuchten Vertreter einer Studentengruppe in diesem Jahr dennoch, einen Informationsstand aufzubauen. "Wir sind Studenten, wir sind ganz normale Bürger, die einfach über die Geschichte des 4. Juni 1989 informieren wollen", sagte der Sprecher der Gruppe, Chan Chi-sun. "Wir tun nichts Verbotenes."

Aber die Polizei schritt ein. Es gab mindestens eine Festnahme. Auch in den Straßen von Mong Kok waren Demonstrierende unterwegs und mischten sich unter die Passanten. Wiederholt waren Slogans der Hongkonger Demokratiebewegung zu hören. Auch hier versuchte die Polizei, Menschenansammlungen aufzulösen.

Gedenken verboten - offiziell wegen Corona

Die Behörden in Hongkong hatten die strikten Versammlungsverbote zum 4. Juni mit der Corona-Pandemie begründet. Dabei sind die Infektionszahlen in der Sonderverwaltungsregion extrem niedrig. Zugelassen waren unter strengen Auflagen einzig mehrere Gottesdienste.

Sieben katholische Kirchen hatten zu Gedenkgottesdiensten geladen, ohne jedoch den konkreten Anlass zu erwähnen. In der Ankündigung stand lediglich, man dürfe die Geschichte nicht vergessen.

Dass die Behörden Aufrufe zu öffentlichen Mahnwachen nicht zulassen würden, war indes bereits am Morgen deutlich geworden. Die bekannte Aktivistin Chow Hong-tung wurde festgenommen. Die Behörden werfen ihr vor, in den sozialen Medien für nicht genehmigte Versammlungen geworben zu haben. Darauf drohen in Hongkong harte Strafen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Juni 2021 um 20:00 Uhr.